Aus Freude am Rausschmiss

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Gespeichert von chefredakteur am 8. Juni 2016
Spielbrett mit Spielfiguren

Aus Freude am Rausschmiss

Plädoyer fürs Brettspiel

Väter, die Qualitätszeit mit ihren Kindern gestalten wollen, können an eine alte Tradition anknüpfen und regelmäßig Brettspiele spielen. Die Journalistin und Buchautorin Cornelia Nitsch erklärt, was für diesen gemeinsamen Zeitvertreib spricht.

 

Wenn beim „Mensch ärgere dich nicht“ zum wiederholten Male alle eigenen Spielfiguren wieder auf Anfang stehen, finden das selbst Erwachsene zum „aus der Haut fahren“. Ein Kind fegt dann schon mal das ganze Brett vom Tisch. „Bei Gesellschaftsspielen kann es manchmal hoch hergehen. Das zeigt, wie spannend sie oft sind – und dass Kinder und Erwachsene dabei viel lernen können“, sagt Cornelia Nitsch. Bei den meisten Spielen geht es darum, wer gewinnt. Es gibt also immer auch Verlierer. Beides, Gewinnen und Verlieren, will gelernt sein.

Spiele bringen Väter und Kinder ins Gespräch

„Ich schätze solche Spiele vor allem, weil sie ein ideales Mittel sind, Eltern und Kinder in den Dialog zu bringen. Beim Spielen findet eine Menge soziales Leben statt. Es entsteht Gesprächs- und oft auch Zündstoff“, erklärt Cornelia Nitsch. „Eltern und Kinder konzentrieren sich auf das gemeinsame Tun, blenden Alltagsverpflichtungen aus und schaffen so Raum für den Austausch. Feste Spielezeiten zu verabreden, zum Beispiel immer am Sonntagnachmittag, ist eine gute Idee. Das schafft Verlässlichkeit, bringt Vorfreunde und ist für Kinder ein wichtiger Anker in unserer schnelllebigen Zeit.“

Brettspiele sind vielfach Männerdomäne

Cornelia Nitschs Mann, der selbst früher die Brettspiele mit seinem Großvater genoss, hat mit seinen vier Söhnen regelmäßig auf diese Weise gespielt. Inzwischen sind die Kinder erwachsen. „Immer wenn sie zu Besuch kommen, lassen sie die Spiel-Tradition jedoch wieder aufleben“, berichtet Cornelia Nitsch. Auch wenn sich in vielen Familien beide Eltern mit den Kindern um den Spieltisch versammeln, zeigen Studien, dass das Spielen mit den Kindern eher eine Bastion der Väter ist. „Ich beobachte, dass Väter sich häufig gerne auf die Spielinhalte einlassen, während Mütter eher die Atmosphäre beim gemeinsamen Spielen schätzen“, erklärt die Expertin. In vielen Familien engagieren sich auch die Großväter und bringen ihren Enkelinnen und Enkeln traditionelle Brettspiele wie Schach, Dame und Mühle bei. „Beim Strategiespiel Schach üben die Kinder vorausschauendes Denken und lernen, Geduld zu bewahren“, sagt Cornelia Nitsch. „Schach und viele andere Klassiker sind hervorragende ‚Lernspiele’, viel besser als viele Spiele, die heute unter dieser Überschrift verkauft werden.“

Eine jahrtausendealte Tradition fortführen

Großväter, Väter und Kinder, die sich für Brettspiele entscheiden, führen damit eine lange Tradition fort. Bereits im alten Ägypten vor mehr als 4.000 Jahren war Senet beliebt, das als Vorläufer des heutigen Backgammons gilt. Das Mühle-Spiel soll ebenfalls vor über 3.000 Jahren in Ägypten erfunden worden sein. Das populäre „Mensch ärgere dich nicht“, das es in seiner heutigen Form seit rund 100 Jahren gibt und das etwa 60 Millionen Mal verkauft worden ist, geht auf das alte indische Spiel Pachisi aus dem 6. Jahrhundert zurück. Auch das Schachspiel hat aller Wahrscheinlichkeit nach indische Wurzeln und wurde um 500 nach Christus entwickelt. „Alle diese Spiele boten damals einen Zeitvertreib für Erwachsene. Brettspiele für Kinder kamen erst im Biedermeier in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf, als Kindheit als eigenständiger Lebensabschnitt in den Blick rückte“, erklärt Cornelia Nitsch. Der Theater- und Medienwissenschaftler Dr. Bernward Thole, Vorsitzender des Vereins „Die Spielebrücke“, erklärt den Wandel so: „Im 19. Jahrhundert ließen sich Brettspiele durch neue Drucktechniken zum ersten Mal in Massen herstellen. Sie wurden dadurch für alle bezahlbar. Bis dahin waren sie aus teurem Material gefertigt, entsprechend wertvoll und den Erwachsenen vorbehalten. Historische Abbildungen deuten darauf hin, dass es vor allem Männer waren, die hier spielten.“

Jüngere Kinder lieben es zu gewinnen

Inzwischen gibt es eine unüberschaubare Vielfalt an Brettspielen, die für Kinder unterschiedlichen Alters entwickelt wurden. „Spiele für jüngere Kinder sind an deren kürzere Aufmerksamkeitspanne angepasst. Häufig ist es Zufall, wer gewinnt“, erläutert Cornelia Nitsch. „Bei solchen Spielen, bei denen es oft auf das Würfelglück ankommt, erleben die Jungen und Mädchen, dass sie gegen ältere Geschwister und Väter oder Mütter, die bei anderen Spielen durch ihre Erfahrung, durch größere Geschicklichkeit oder mehr Wissen punkten, gewinnen können. Die Brettspiele führen sie sanft an die Thematik heran, dass Gewinnen und Verlieren zusammen gehören. Das lehrt sie, nach einem Rückschlag wieder neu anzufangen – mit neuen Chancen.“

Elektronische Spiele gemeinsam spielen?

Heute ersetzen vielfach Spiele am Tablet oder der Spielekonsole die klassischen Familienspiele. Auch diese Spiele lassen sich oft mit zwei oder mehr Spielerinnen und Spielern spielen. „Dabei ist Konzentration ebenso gefragt wie bei den bekannten Brettspielen und es gibt entsprechende Lerneffekte“, sagt Cornelia Nitsch. Schade findet sie, dass beim elektronischen Spiel das Erfühlen von Brett, Spielfiguren oder Würfeln wegfällt und die Spielenden sich nicht mehr gegenüber, sondern nebeneinander sitzen. Ein weiterer Effekt kommt hinzu: „Väter sollten um das Suchtpotenzial von elektronischen Spielen wissen und im Auge behalten, wie viel Raum diese im Leben ihrer Kinder einnehmen“, erklärt die Autorin. „Eine Brettspielsucht ist dagegen unbekannt – auch wenn ein Monopoly-Spiel manchmal einige Tage immer weiter gespielt wird. Väter, die mit ihren Kindern früh begonnen haben, eine eigene Brettspieltradition zu entwickeln, werden sie vielleicht fortführen können, wenn die Kinder größer sind.“

(vaeter.nrw)

 

Text aktualisiert am 8. Juni 2016

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