Bildungschancen sind auch Vätersache

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Kind schreibt in einem Arbeitsheft
10. November 2016

Bildungschancen sind auch Vätersache

Die Bildung eines Kindes wird aus drei wesentlichen Richtungen beeinflusst: Familie, Kita und Schule. Dabei ist Bildung nicht als bloße Wissensvermittlung zu verstehen. Vielmehr spielen hier auch die Erziehung, die persönliche Entwicklung und soziale Fähigkeiten eine zentrale Rolle. Väter sollten das Thema nicht öffentlichen Einrichtungen überlassen, sondern ihre Möglichkeiten entdecken, die Bildungschancen der Kinder zu verbessern.

 

Haben die Eltern einen hohen Bildungsabschluss, ist es nach einer Untersuchung des Statistischen Bundesamts wahrscheinlich, dass auch ihre Kinder zum Gymnasium gehen (61 Prozent). Mit nur 3 Prozent kommt die Hauptschule in diesen Familien fast nicht vor. Die im September veröffentlichten Zahlen zeigen auch die andere Seite: Bei Kindern niedrig gebildeter Eltern liegt die Hauptschule mit 22 Prozent deutlich vor dem Gymnasium (14 Prozent). Diese Zahlen legen die Vermutung nahe, dass allein das elterliche Bildungsniveau für den Bildungserfolg der Kinder alleinverantwortlich sei. Für den Familienforscher Professor Wassilios Fthenakis greift der Schluss aber zu kurz: „Es gibt eine große Ungleichheit – aber die Grenze zwischen guten und schlechten Bildungschancen verläuft etwas anders: Schon seit Jahren zeigen Studien, dass gerade die Kombination von sozialer und ökonomischer Herkunft für eine erfolgreiche Schullaufbahn wesentlich ist.“ So führt die Herkunft aus einem Akademikerhaushalt zwar dazu, dass die Kinder häufig auf dem Gymnasium landen. Aber erst in Verbindung mit einem relativ hohen Einkommen steigt die Wahrscheinlichkeit auf eine erfolgreiche Schullaufbahn überdurchschnittlich an.

Bildung ist mehr Wissensvermittlung

Ist damit die Entwicklung der Kinder schon durch ihre Herkunft festgeschrieben? „Alle Eltern können etwas tun. Auch wenn viele eine klare Trennung im Kopf haben: Die Schule kümmert sich um die Bildung, die Familie und die Erziehung. Aber die beiden Bereiche sind nicht einfach so zu trennen. Beides ist miteinander verwoben und beeinflusst sich wechselseitig. Die Erziehung von Kindern findet ebenso in den Schulen statt und die Bildung in den Familien“, sagt Professor Fthenakis, „In den Familien gibt es viele Faktoren, die den Bildungserfolg der Kinder beeinflussen und bei denen die Väter eine sehr wichtige Rolle spielen.“ So haben besonders in Familien mit klassischer Rollenverteilung – der Vater ist für den Broterwerb zuständig, die Mutter für die Erziehungsfragen im Alltag – die Väter einen leistungsbetonenden Vorbildcharakter. Ihre eigene Bildungsgeschichte und ihre Einstellung zu Arbeit und Erfolg prägen die Einstellung und der Kinder. Dafür beeinflussen die Mütter das soziale Netz zu Freunden oder Verwandten stärker als der arbeitende Vater. In Familien mit ausgewogener Aufgabenverteilung verschwimmen die Unterschiede dagegen. „Es kommt also weniger auf typisch männliche oder weibliche Eigenschaften an, als auf die Rollen und Funktionen im Familiengefüge“, sagt der Familienforscher.

Aber der Begriff Bildung ist ohnehin weiter zu fassen: Neben der Entwicklung von kognitiven Fähigkeiten oder dem Ansammeln von Wissen sind auch soziale und moralische Fertigkeiten oder das Selbstwertgefühl zentrale Entwicklungsziele. Gerade bei Kleinkindern ist Bildung ein sozialer Prozess, in dem die Kinder viel in realen Situationen, im Umgang mit anderen Kindern, mit Eltern oder Erzieherinnen und Erziehern lernen. „Väter halten sich da immer noch zu sehr im Hintergrund. Aber sie sollten sich bewusst machen, dass sie dafür genauso kompetent sind wie die Mütter – auch schon bei Kleinkindern.“ Allerdings sieht Wassilios Fthenakis eine Einschränkung: „Frauen – und damit auch Mütter – haben häufig eine besondere soziale Kompetenz, die mit ihrer eigenen Sozialisation zusammenhängt: Sie sind gut darin, das Denken und Fühlen des Gegenübers zu erkennen und darauf angemessen zu reagieren. Diese Fähigkeiten geben sie an ihre Kinder und insbesondere die Töchter weiter.“

Partnerschaft der Eltern enorm wichtig

Bei den Vätern wiederum findet der Familienforscher die ausgeprägte Fähigkeit, ihre Kinder positiv zu stimulieren, Reize zu setzen und ihren Wissensdurst und Forscherdrang anzustacheln. „Besonders, wenn wir unter Bildung im vorschulischen Alter nicht Wissensvermittlung verstehen, sondern zu lernen, wie man lernt, hilft die väterliche Motivation enorm“, sagt Fthenakis. Dabei hat er in den letzten Jahren bei den jungen Vätern festgestellt, dass auch gegensätzliche Erfahrungen mit dem eigenen Vater letztlich zu ein und derselben Erkenntnis führen: War der eigene Vater nah und verständnisvoll, so bestätigt das den heutigen Vater darin, auch auf positive Stimulation bei den Kindern zu setzen. War der eigene Vater fern und dominant oder autoritär, möchte es der heutige Vater besser machen und wählt ebenfalls positive Stimulation als Weg für sich.

Aber die väterlichen oder mütterlichen Besonderheiten möchte Professor Fthenakis ungern überbewerten: „Für den Schulerfolg der Kinder und ihre sozialen und moralischen Fähigkeiten sind beide Eltern gleichermaßen wichtig und fähig. Vor allem kommt es darauf an, dass beide Eltern präsent sind und eine funktionierende Partnerschaft leben.“ Diese Qualität ist – natürlich eingeschränkt – auch nach einer Trennung möglich, wenn beide Eltern im Hinblick auf die Entwicklung ihrer Kinder an einem Strang ziehen.

   

Professor Dr. Wassilios E. Fthenakis, geb. 1937, ist Familienforscher und Präsident des Didacta Verbands der Bildungswirtschaft e. V.

 

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