Erfolgreiches Väterprojekt aus Herne regt zum Nachmachen an

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Fachpublikum sitzt in Tagungsraum und hört Referenten zu
29. November 2018

Erfolgreiches Väterprojekt aus Herne regt zum Nachmachen an

Fachtag: Wissensaustausch fördert Väterarbeit in NRW

Am 8. Oktober 2018 veranstalteten der Väter in Köln e.V. und die Fachstelle Väterarbeit NRW in Kooperation mit dem Interkulturellen Dienst des Bezirksjugendamtes Ehrenfeld eine Fachtagung aus der Reihe „Arbeit mit Vätern“. Vorgestellt wurde unter anderem das Projekt „Echte Väter“ aus Herne, welches das Fachpublikum mit seiner Erfolgsgeschichte begeisterte.

 

Praxisnah voneinander lernen und im Austausch miteinander Anregungen für die eigene Arbeit vor Ort finden – unter diesem Gedanken trafen sich Fachkräfte, Interessierte sowie Multiplikatoren und Multiplikatorinnen zum Thema „Interkulturellen Väterarbeit“ im Bürgerzentrum Ehrenfeld in Köln. Das erfolgreiche Praxisbeispiel „Echte Väter“, das Initiator Gürkan Uçan persönlich vorstellte, bot Einblicke in gelingende Väterarbeit und diente als Ausgangspunkt für die anschließende Diskussion. Den thematischen Rahmen setzte in seiner Einführung Dr. Michael Tunç, Experte für emanzipative, rassismuskritische Männer- bzw. Väterarbeit und -politik.

Warum „Echte Väter“?

Das Bild von der Rolle des Vaters in der Familie hat sich in der deutschen Gesellschaft stark gewandelt – doch nicht nur dort. Auch immer mehr Männer mit Migrationshintergrund überdenken die traditionellen Einstellungen aus ihren Herkunftsländern. Gürkan Uçan, Mitarbeiter des Kommunalen Integrationszentrums (KI) der Stadt Herne, erkannte die Herausforderungen, die dadurch für Väter entstehen können, und gründete 2007 das Projekt „Echte Väter“. Ziel des Projektes ist, die Männer auf der Suche nach einem neuen Selbstverständnis zu unterstützen, denn „Echte Väter“ möchten Vorurteile abbauen, Väter aktivieren, sich gegenseitig entlasten und ihre Potenziale in der Väterarbeit nutzen.

Aller Anfang ist …

Das Projekt „Echte Väter“ wurde im Jahr 2007 konzipiert und mit der Zeit immer weiter ausgebaut. Gürkan Uçan bewies dabei einen langen Atem. Nachdem zum ersten Treffen nur drei Männer erschienen waren, lud er zum nächsten Termin nicht mehr per Flugblatt ein, sondern sprach die Väter direkt an. Die Idee ging auf und schon bald versammelten sich 20 interessierte Männer, um sich in die Väterbildungsgruppe einzubringen. Mittlerweile ist das Projekt so erfolgreich, dass es in Herne derzeit zehn parallel laufende Vätergruppen gibt, die überwiegend in Herner Grundschulen stattfinden.

Wissen und Aktion – die Mischung macht‘s

Als Erfolgsrezept für den Vätertreff beschreibt Gürkan Uçan die Mischung aus Freizeitaktionen einerseits und Wissensvermittlung zu verschiedensten Themen andererseits. Zahlreiche Teilnehmer der Vätergruppen verfügen über eine gute Ausbildung oder ein Studium, ihr Wissen und ihre Fachkompetenzen fließen in die Väterarbeit ein. Bei Bedarf werden zu den Themenabenden zwar externe Referenten wie zum Beispiel Ernährungsberater, Rechtsanwälte, Kinderbuchautoren, Ärzte, Unternehmer oder Psychologen eingeladen, doch wird bei der Auswahl der Referenten stets darauf geachtet, ob eventuell auch ein Vater über entsprechende Kenntnisse verfügt und den Vortrag übernehmen kann.

Darüber hinaus verfügen viele Väter über künstlerische und musikalische Potenziale. Diese Fähigkeiten nutzen Väter, um neue innovative Vater-Kind-Projekte zu entwickeln, wie zum Beispiel zweisprachige Schattentheateraufführungen, Tanztheater, eine Schreibwerkstatt oder orientalisches Trommeln gegen Rassismus bzw. Salafismus und für Vielfalt.

Der „Orient-Express“

Aus den gemeinsamen Gruppenabenden ist zudem vor circa elf Jahren eine internationale Musikgruppe unter dem Namen „Orient-Express“ entstanden, die mittlerweile landesweit bekannt ist und für verschiedene interkulturelle Veranstaltungen und Konzerte gebucht wird. Die rund 15 Musiker proben regelmäßig und organisieren Workshops mit Jugendlichen, damit auch für den Band-Nachwuchs gesorgt ist.

Daumen hoch!

Abschließend fasst Gürkan Uçan den Erfolg von „Echte Väter“ zusammen: Väter und Kinder erfahren durch die gemeinsamen Aktivitäten sowohl untereinander wie in der Öffentlichkeit große Wertschätzung und Anerkennung. Durch die gemeinsamen Aktionen tragen die Väter mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten dazu bei, ihr Wissen allen teilnehmenden Kindern und Vätern zugänglich zu machen, wodurch ihre Partizipation an der Gesellschaft verbessert und die Chancengleichheit gefördert wird. Das stärkt den Zusammenhalt aller Beteiligten und natürlich auch zwischen Vätern und Kindern. Und das Wichtigste: Die Väter und Kinder verbringen eine richtig gute Zeit miteinander.

Vernetzung ausbauen

„Die Veranstaltung war ein voller Erfolg“, fasst Jürgen Kura, 1. Vorsitzender von Väter in Köln e.V., im Nachgang den Fachtag zusammen. Er berichtet, dass unter den Teilnehmenden viele neue Kontakte geknüpft und bereits bestehende vertieft wurden. Die angeregte Diskussion, die nach der Projektvorstellung im Rahmen des Workshops „Väterbilder im Kopf und Rollenerwartungen“ unter der Leitung von Hans-Georg Nelles stattfand, zeige den Bedarf an fachlichem Austausch im Bereich der (interkulturellen) Väterarbeit. Das Fachpublikum war sich einig darüber, dass es gerade in einem Flächenland wie NRW umso wichtiger ist, regelmäßig im Austausch miteinander zu bleiben. In vielen Städten und Gemeinden gebe es erfolgreiche Väterprojekte, die andernorts aufgegriffen werden könnten. Von einem Wissenstransfer könnten alle Beteiligten nur profitieren, ist sich Jürgen Kura sicher. Aus der Aufbruchsstimmung und dem regen Erfahrungsaustausch im Rahmen des Fachtags seien ihm zufolge bereits einige neue vielversprechende Kontakte sowie ganz konkrete neue Themen für weitere Veranstaltungen entstanden.

Hintergrund

Väter in Köln e.V. möchte mit dieser und weiteren Fachveranstaltungen den Blick auf die verschiedenen Varianten der Arbeit mit Vätern mit und ohne Migrationshintergrund schärfen. Die Fachstelle Väterarbeit NRW unter Leitung von Hans-Georg Nelles unterstützt landesweit Fachkräfte bei der Arbeit mit Vätern.