Fest verbunden

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Gespeichert von chefredakteur am 25. Mai 2016
Kind in den Armen des Vaters

Fest verbunden

Die Bindung zwischen Eltern und Kindern ändert sich ständig. Das ist für beide Seiten nicht immer leicht.

Verlässlichkeit, Liebe und Geborgenheit sind Grundpfeiler jeder Beziehung und Voraussetzung für eine sichere Bindung zwischen Vater und Kind. Der Vater eines Babys und der eines Jugendlichen erzählen, wie diese Bindung in ihrer jeweiligen Lebensphase funktioniert.

 

Seit sie lächelt, ist alles einfacher – Bindung in der Babyzeit

„Ich wollte schon immer Kinder haben“, erzählt Jan Eufinger, „und den richtigen Zeitpunkt dafür gibt es ohnehin nicht. Als Eilika am 3. Mai auf die Welt kam, waren wir fast mit dem Studium fertig. Ich hatte sie gleich nach der Geburt auf dem Arm, während meine Freundin noch nachbehandelt werden musste. Als sie ihre Mutter schreien hörte, war Eilika kurz davor, zu weinen, doch ich konnte sie durch sanftes Zureden schnell beruhigen. Als wir dann im Nebenzimmer warteten, war sie ganz ruhig und friedlich, obwohl sie nicht sofort gestillt werden konnte, und schlief auch auf meinem Arm ein.

Bis heute hat sich daran nicht viel geändert. Meist beruhigt Eilika sich schnell, wenn ich sie auf den Arm nehme. Wir haben dazu unsere kleinen Gewohnheiten entwickelt: Ich spiele mit ihr Flugzeug oder aber wir tanzen zu einem Lied vor dem Spiegel. Dann hört sie schnell auf zu quengeln, lächelt und die schlechte Stimmung ist vorbei.

Zuerst war es etwas schwierig: Kinder können in den ersten Wochen noch keine wirkliche Mimik zeigen. Wenn Eilika so einen neutralen Gesichtsausdruck hatte, wusste ich nie, ob ihr gefällt, was ich tue oder nicht. Inzwischen ist das anders: Wenn sie sich freut, reißt sie den Mund vor Begeisterung auf und ihr ganzes Gesicht strahlt. Ein besonders schöner Moment ist, wenn es ihr so gut gefällt, dass sie sogar richtig laut lacht. Manchmal quietscht sie dabei ganz laut. Wenn ich dann schimpfe und sage, dass sie nicht so quietschen soll, dann freut sie das umso mehr und sie quietscht noch lauter.

Aufmerksamkeit von früh bis spät

In den ersten Monaten habe ich mich oft ein bisschen außen vor gefühlt, weil ich sie nicht stillen konnte. Das war immer so etwas ganz Besonderes zwischen Mutter und Tochter. Ich fand es frustrierend, wenn Eilika vor Hunger schrie und ich ihr Bedürfnis nicht befriedigen konnte. Inzwischen ist das anderes: Mittags bekommt sie Brei und Gemüse, und ich kann das Füttern endlich übernehmen.

Eilika ist auch gar kein ‘Mama-Kind’ – im Gegenteil. Wenn meine Freundin früh zur Arbeit geht, bringen wir sie an die Tür und winken ihr zum Abschied zu. Dass Mama arbeiten muss, scheint die Kleine nicht schlimm zu finden. Anders war es manchmal, wenn ich am Schreibtisch saß und nicht mit ihr spielen konnte. Obwohl sich Mama um sie gekümmert hat, wollte sie zu mir und hatte wenig Verständnis für meine ablehnende Haltung. Am Schreibtisch arbeiten und sich nebenbei um das Kind kümmern, geht einfach nicht. Denn wenn sie nicht gerade schläft, dann will sie auch die ganze Zeit Aufmerksamkeit. Wir toben viel zusammen, auch weil dies mit Mama nicht mehr so gut klappt. Denn die Kleine wird immer schwerer und meine Freundin hat manchmal nicht genug Kraft, um sie beispielsweise mit einem Arm zu halten.

Probleme haben wir eigentlich nicht. Vielleicht, weil wir uns nicht so stressen wie andere Eltern. Wenn wir abends weggehen wollen, nehmen wir Eilika einfach mit. Allein mit den Großeltern ist sie noch nicht so gerne. Aber solange einer von uns beiden da ist, ist alles gut. Im Freundeskreis sind wir die einzigen Eltern. Unsere Informationsquelle ist daher eher das Internet. Wobei es dort darauf ankommt, die Spreu vom Weizen zu trennen, da vieles nicht mit wissenschaftlichen Erkenntnissen übereinstimmt. Dabei gilt es auch zu berücksichtigen, dass jedes Kind anders ist und unterschiedlich reagiert. Aber wenn Eilika lächelt, weiß ich, dass ich alles richtig gemacht habe!“



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Jan Eufinger hat Sozialwissenschaft, Religionswissenschaft und Philosophie auf Magister studiert und ist Vater einer Tochter. Er hält nicht viel von klassischen Rollenverteilungen und bleibt in seiner Elternzeit mit Tochter Eilika zu Hause.

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„Wie ein Gummiband“ – Bindung während der Pubertät

„Unsere Bindung ist wie ein Gummiband – sie wird dünner, zerreißt aber nicht“, erzählt Hans-Jürgen Klemm. Sein Sohn ist 15 Jahre alt und mitten in der Pubertät. „Wie die Bindung zum Kind in dieser Zeit aussieht, hängt davon ab, wie sie vorher war“, ist der Psychotherapeut überzeugt. Denn bei seiner Arbeit im Psychologischen Fachdienst der Abteilung „Psychiatrie, Sucht und Wohnungslosenhilfe“ hat er täglich mit zerstörten Eltern-Kind-Bindungen zu tun. „Wenn die Kränkungen zu groß waren, dann war das Band brüchig und zerreißt während der Pubertät. Und das muss auch so sein. Viele missbrauchte oder gequälte Kinder müssen die Bindung zu ihren Vätern oder Müttern komplett kappen, um heilen zu können. Ganz wichtig ist es deshalb, seinen Kindern ein Vorbild zu sein, eine zuverlässige Beziehung und stabile Bindungen vorzuleben.“

Die Kunst, sich zurückzuhalten

In der eigenen Familie erlebt Hans-Jürgen Klemm das so: „Die Bindung zu meinem Sohn ändert sich von mir aus überhaupt nicht, denn ihr Kern ist stabil und bedingungslos, auch wenn er mich abweist oder sich ‘krass’ verhält. Er entfernt sich von mir, meine Meinung ist ihm nicht mehr so wichtig. Er sagt Sätze wie ‘Papa, davon hast Du ja keine Ahnung!’. Manchmal ist es schwer zuzulassen, dass er mich kritisiert. Die Vater-Sohn-Hierarchie ändert sich gerade: Im wahrsten Sinne des Wortes wächst mein Sohn nun auf Augenhöhe.“

Hans-Jürgen Klemm findet es wichtig, dass Eltern in der Pubertät ihrer Kinder Zuneigung nicht an deren Wohlverhalten knüpfen. „Wir müssen für sie da sein und einiges aushalten – auch wenn sie sich nicht so verhalten, wie wir das wünschen.“ Mit seiner Tochter – heute 21 Jahre alt – hat er das schon durchlebt. Als sie unbedingt Alkohol probieren wollte, war das für den Suchttherapeuten eine Herausforderung. „Ich sehe täglich viele schlimme Schicksale. Da war es für mich sehr schwierig, angemessen zu reagieren und keine Befürchtungen zu äußern. Dabei wollte meine Tochter nur probieren. Aber wenn man merkt, dass das Kind sich selbst schadet, dann muss man natürlich eingreifen.“

Plötzlich alles anders

„Das Schwierige ist“, findet Hans-Jürgen Klemm, „dass die Pubertät bei den eigenen Kindern so ganz anders abläuft, als bei einem selber. Und dass es so schnell geht: Alles passiert gleichzeitig. Das Kind verändert sich biologisch, sozial, in der Kommunikation. Die Gespräche mit uns Eltern gehen nicht mehr so tief. Das Kind entdeckt seine Sexualität – womit wir Eltern nichts zu tun haben und auch nicht haben sollten – es erlebt seine erste Liebe, die ersten Euphorien und Schmerzen.

Und mein erster Impuls ist immer noch, meinen Sohn zu korrigieren: Ich denke häufig, ‘wie kann man nur … sich in die verlieben? … solche Musik hören? Er macht alles falsch, und anders wäre es auch für ihn besser.’ Aber so läuft das nun mal: In dieser Zeit erfahre ich als Vater zum ersten Mal, dass ich nicht mehr der Wichtigste bin. Ich habe kaum mehr Einfluss, seine Freunde spielen eine viel größere Rolle. Das schmerzt, ist aber natürlich und wichtig.“

Tief durchatmen und vertrauen

„Ich versuche also gerade, mich von meinen Erinnerungen zu lösen (als mein Sohn noch so und so war …) und gelassen zu bleiben, wenn er mit seinen Freunden eine 24 Stunden-LAN-Party macht. Ich versuche, das positiv zu sehen, mich zum Beispiel zu freuen, dass er gut klar kommt in der digitalen Welt. Was nutzt es, wenn ich seine Frisur kritisiere? Die Meinung meiner Eltern dazu hat mich früher auch nicht interessiert. Also versuche ich zu denken: ‘Toll, wie er mit seinen Haaren experimentiert.’ Und tatsächlich ist es so: Ich sehe meinen Sohn und sehe einen interessanten Typen. Dann bin ich stolz!“

Das Wichtigste – so hat Hans-Jürgen Klemm es schon mit seiner Tochter erlebt – ist das Vertrauen in die Vater-Kind-Bindung: „Sie gehen eine Zeitlang woanders hin. Das Gummiband unserer Bindung dehnt und dehnt sich immer mehr, bis es ganz dünn ist. Aber irgendwann kommen sie wieder zu einem zurück. Es lohnt sich also, vom ersten Tag an eine starke Bindung zu seinem Kind aufzubauen.“

(vaeter.nrw)





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Hans-Jürgen Klemm ist Diplom-Pädagoge und Vater von zwei Kindern. Er arbeitet als Psychotherapeut im Psychologischen Fachdienst der Stiftung Bethel in der Psychiatrie, Sucht und Wohnungslosenhilfe.




 
 Text aktualisert am 25. Mai 2016

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