Erst mal überfordert

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Gespeichert von chefredakteur am 27. Mai 2016
Mann jongliert auf einem Feld

Erst mal überfordert

Junge Väter möchten Beruf und Familie optimal verbinden. Viele nehmen eine kurze Elternzeit, aber danach kehrt der Alltag zurück, Job und Familie müssen ausbalanciert werden. Auch die Ansprüche der Mütter an ihre Partner sind gestiegen. Sabrina Odebrecht, Dipl. Psychologin, Systemische Therapeutin und Sexualberaterin aus Berlin, erzählt von Lösungen.

 

Die Ansprüche der Partnerin und die eigenen Idealvorstellungen erzeugen Druck bei jungen Vätern. Teilen Sie diese Beobachtung?

Ja. Die heutige Generation der jungen Väter wurde von Frauen erzogen, die ihnen neue Erziehungsprinzipien und Gleichberechtigung vermittelt haben. Zum anderen sehen viele Männer ihre eigenen Väter als abschreckende Beispiele und möchten es besser machen: Neben dem Beruf möchten sie für ihre Partnerin und ihre Kinder da sein, die Entwicklung miterleben, viel Zeit mit den Kindern verbringen. Und sei es auch nur eine qualitativ hochwertige Zeit, etwa die typischen eineinhalb Stunden zwischen Feierabend und Zubettbringen. Hinzu kommen die Ansprüche der jungen Mütter, die auf ihre berufliche Entwicklung Wert legen und nicht sechs Jahre komplett aussteigen möchten. Sie wünschen sich auch Zuhause eine faire Aufgabenverteilung. Abgesehen von diesen alten und neuen Ansprüchen: Das erste Kind ist für beide Elternteile neben einer großen Freude auch eine Überforderung – immer.

Was passiert nach der Geburt und wie gehen Eltern damit um?

Ein Säugling bringt mit seinen Bedürfnissen den Alltag durcheinander: die gewohnte Aufgabenteilung, die Partnerschaft, die Sexualität, den Schlafrhythmus. Ein Kind ist gleichzeitig wunderbar und hat das Potenzial zur größtmöglichen Krise. Das empfinden Mütter und Väter gleichermaßen. Während sich junge Mütter aber intensiv miteinander austauschen, fehlt es vielen Vätern an Gesprächspartnern und -räumen. Von den eigenen Eltern hören sie oft nur: Da mussten wir auch durch. So entsteht zunächst eine Durchhaltementalität, die einen von Tag zu Tag bringt, und gleichzeitig stehen eigene Bedürfnisse hinten an.

Mit wem können Väter reden?

Freunde und Arbeitskollegen, die bereits Kinder haben, teilen gerne ihre Erfahrungen und haben ein offenes Ohr. Der Mann wird aufgenommen in die informelle Gruppe der neuen Eltern. Für manche kinderlose Männer sind dagegen viele Sorgen schwer nachvollziehbar. Natürlich sollte auch mit der Partnerin der Gesprächsfaden nicht abreißen. Die Probleme sind ungewohnt und die Alltagserlebnisse von Vätern und Müttern grundlegend verschieden: hier der Neun-Stunden-Arbeitstag, dort die Welt der Milchflaschen und Windeln. Da hilft es, sich zum Gespräch zu verabreden und dies mit der gleichen Wichtigkeit eines Termins beim Arzt oder Chef zu tun. Auch schriftliche Kommunikation zu nutzen kann hilfreich sein, wenn Gespräche aufgrund von Erschöpfung und fehlenden Ressourcen schnell eskalieren. Denn mit wenig Energie und Ressourcen enden konstruktiv gemeinte Diskussionen nicht selten im Streit. Auch so kann der Dialog wieder in Gang kommen.

Wie beeinflusst der Beruf die Überforderung der Männer?

Mit der Geburt eines Kindes erhöhen sich die Ansprüche an den Job: Man wünscht sich flexiblere und kürzere Arbeitszeiten, aber weiterhin Karrierechancen, ein höheres Einkommen, denn die Ausgaben steigen kontinuierlich. Und ganz wichtig: Jobsicherheit. Der Verlust des Arbeitsplatzes ausgerechnet jetzt würde als Katastrophe empfunden werden. Die eigenen Ansprüche erzeugen also Druck bei den jungen Vätern. Hinzu kommt eine neu erlebte Hilflosigkeit, gerade für beruflich erfolgreiche Männer: Plötzlich sind sie überfordert mit einem schreienden Säugling. In einigen Situationen, wenn es beispielsweise ums Stillen geht, können sie ihrer Frau wenig beistehen. Das wirkt demotivierend und frustriert.

Väter und Mütter möchten die neuen Elternaufgaben möglichst gerecht verteilen – aber wie?

Vor der Geburt sind Aufgaben meist 50:50 verteilt, vieles hat sich „von selbst so ergeben“. Nach der Geburt muss das System von den Eltern neu ausgehandelt werden. Ein möglicher hilfreicher erster Schritt: notieren, wer aktuell welche Aufgaben übernimmt. Dabei bitte auch die nicht so offensichtlichen Arbeiten auflisten, wie etwa: Auto auftanken, sich um Anschaffungen, Reparaturen und Versicherungen kümmern. Dann müssen beide Seiten einige Fragen offen beantworten: Was wünsche ich mir? Was kann ich geben? Wo brauche ich Unterstützung? Welche Arbeiten kann ich keinesfalls übernehmen – etwa den Nachtdienst, wenn dieser mit konzentrierter Büroarbeit am nächsten Tag kollidiert. Bleiben Aufgaben übrig, muss ein Kompromiss gefunden werden. Und ob die Kompromisse erfolgreich sind oder nicht, sollte nach einiger Zeit besprochen werden, um nachzusteuern.

Das klingt nach einer Planungsstrategie, die man aus Unternehmen kennt. Man hat aber den Eindruck, dass viele Eltern hoffen, der neue Alltag regelt sich von alleine.

Das ist selten der Fall. Und vor der Geburt wird zwar viel über die Kinderzimmergestaltung gesprochen, aber nicht im Detail über die neuen Aufgaben. Dabei würde das helfen, Stress und Frust zu vermeiden. Eine Stressvermeidungstaktik bei Männern ist übrigens, länger als nötig zu arbeiten. Ist daheim der Stresslevel hoch, wird Arbeit sogar als willkommene Pause empfunden, auch von Müttern, die nach der Elternzeit zurück im Job sind. Die Kollegen sind entspannt und haben keine Erkältung oder Mittelohrentzündung. Wenn der junge Vater allerdings regelmäßig die Arbeitszeiten ausdehnt, steigt der Druck zu Hause noch weiter. Dann entsteht ein Teufelskreis, und das Paar gerät in eine Falle.

Wann sollte man sich Beratung und Hilfe suchen?

Man darf jederzeit Hilfe suchen. Wichtig ist, sich zu vergegenwärtigen: Man hat kein schlimmes Defizit, sondern einfach eine anstrengende Zeit, in der eine neutrale Außenperspektive oder Moderation helfen kann. Also: sich rechtzeitig in die Beratung trauen. Erziehungs- und Familienberatungsstellen gibt es in jeder größeren Stadt, einfach im Internet das Stichwort suchen. Empfehlenswert ist es auch, einen Elternkurs zu besuchen, zum Beispiel „Starke Eltern – Starke Kinder“, der an vielen Orten angeboten wird.

Was tun, wenn die Überlastung bleibt?

Was ich selbst nicht schaffe, kann vielleicht jemand anderes: Eltern sollten alle Ressourcen nutzen, die sie haben oder sich leisten können: Großeltern, Babysitter, Tagesmutter, Haushaltshilfe, Einkaufsservice. Ein Ziel sollte sein, wieder etwas Zeit zu zweit und auch für sich alleine zu haben. Nicht vergessen! Und wenn es nur eine Stunde in der Woche ist, wo der Vater ganz bewusst etwas macht, was ihn entspannt. Das gilt natürlich auch für Mütter.

(vaeter.nrw)

 

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