In Alltagsdingen steckt viel Wissen

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Gespeichert von chefredakteur am 22. Juni 2016
Pinsel mit Büroklammern
Interview

In Alltagsdingen steckt viel Wissen

Interview

Aus dem Umgang mit alltäglichen Gegenständen gewinnen Kinder viel Wissen. Dafür schärft die Pädagogin und Sachbuchautorin Dr. Donata Elschenbroich mit einem besonderen Projekt den Blick: Beim Erforschen von Alltagsdingen begleiten Väter und Mütter ihre Kinder – die Beschäftigung mit einem Kugelschreiber wird so zum Lernspiel für die ganze Familie.

 
vaeter.nrw:
Beim Stichwort Bildung fällt den meisten die Schule ein, vielleicht auch noch die Kita. Welche Bedeutung hat die Familie als Ort für Bildung?
Dr. Donata Elschenbroich:
Die Familie ist ein zentraler Bildungsort. Ich spreche von Elternhäusern als „Wunderkammern des Wissens“, um das bewusst zu machen. Kinder sind dort von klein auf mit Dingen umgeben, in denen das Wissen von Jahrtausenden steckt. In Alltagsgegenständen ist ein großer Teil der Kulturgeschichte und des Erfindungsreichtums der Menschheit eingeschrieben. Kinder erschließen sich dieses Wissen Stück für Stück. Ihre Väter und Mütter sind ihnen dabei Bildungsbegleiter. Diese Aufgabe erfüllen sie unwillkürlich und sehr kompetent. Sie zeigen und erklären zum Beispiel, welcher Schuh an welchen Fuß passt und wie Messer und Gabel verwendet werden.
vaeter.nrw:
Um diese besondere Bedeutung der Alltagsgegenstände ins Bewusstsein zu bringen, haben Sie ein Projekt realisiert, das Sie auch in einem Buch und in Filmen darstellen. Worum ging es in dem Projekt?
Dr. Donata Elschenbroich:
Wir haben in Kindertagesstätten „Weltwissenvitrinen“ eingerichtet. Dort waren ganz unterschiedliche Alltagsgegenstände ausgestellt: scheinbar banale wie eine Wäscheklammer, spektakuläre wie ein Stethoskop oder eher historische wie eine Balkenwaage. Die Gegenstände waren manchmal beleuchtet, oder Spiegel an der Vitrinenrückseite trugen dazu bei, die Dinge in Szene zu setzen. Das verändert den Blick auch auf alltägliche Gegenstände. Auch Erwachsene sehen sie dann neu – wie mit Kinderaugen – und beginnen, Fragen zu stellen. Am Beispiel der Wäscheklammer haben wir das einmal durchgespielt: Dieser Gegenstand enthält viele Möglichkeiten und Dimensionen. Einjährige werfen ihn durch die Gegend. Zweijährige legen die Klammern vielleicht in Reihen auf den Boden. Vierjährige stecken ihn sich und anderen an die Finger. Und das Beispiel der Wäscheklammer zeigt, wie viel ungelöste Naturrätsel in solch kleinen genialen Alltagsgegenständen stecken. Wir haben renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gefragt, die sagten, dass sie auch nicht bis ins letzte erklären können, warum der offene Arm der Klammer immer wieder zurückspringt. Mit unserem Projekt wollen wir Kinder und ihre Eltern ermutigen, nah heranzugehen an die Gegenstände des Alltags, an ihre Möglichkeiten und Rätsel.
vaeter.nrw:
Wie sah das konkret aus?
Dr. Donata Elschenbroich:
Die Kinder nahmen einen Gegenstand für eine Woche mit nach Hause. Die Pädagogen oder Pädagoginnen hatten ihnen kleine Aufgaben dazu mitgegeben. Zum Beispiel sollten sie überlegen, was wäre, wenn es diesen Gegenstand nicht gäbe. Oder sie sollten ihn zeichnen. Für unseren Film begleiteten wir 50 Familien dabei, wie sie sich gemeinsam mit dem geliehenen „Ding“ beschäftigten, Fragen stellten und es auf unterschiedliche Weise ausprobierten. Das Projekt sprach auch die Väter sehr an. Da lag dann eine Balkenwaage, eine Stimmgabel oder ein Dübel auf dem Küchentisch. Die Väter kamen manchmal so richtig in Fahrt, präsentierten ihr Wissen dazu und demonstrierten, wie dieser Gegenstand genutzt wird – manchmal über die Köpfe der Kinder hinweg. Aber wenn dann die Regie mehr auf die Kinder überging, haben sie mit ihren Einfällen andere Möglichkeiten der Dinge offenbart. So hatten Zwillinge plötzlich die Idee, ihre Köpfe mit der Balkenwaage zu wiegen. Wer den schweren Kopf hätte, sei schlauer, meinten sie. Doch dann ging es ihnen darum, die Waage möglichst ins Gleichgewicht zu bringen. Ein schönes Bild für das Gleichgewicht in der Familie. Eine andere Familie erprobte ein Stethoskop, hörte sich gegenseitig die Herztöne ab, den Puls nach dem Treppensteigen und sogar den des Haustiers. Besonders rührte es die Eltern, als die dreijährige Tochter die Membran ans Gras hielt und das Gras wachsen hören wollte. Interessant ist, dass Kinder oft ganz andere Wege gehen, andere Erklärungen haben und andere Sachen ausprobieren. Sie erschließen das „Mehr“ in den Dingen. Die Väter zeigten sich hinterher oft beeindruckt von dem Erfindungsreichtum und der Kreativität ihrer Kinder. Den Eltern wurde ihre Alltagslehrerfunktion in dieser Situation bewusst, was ihnen anfangs oft ihre Spontaneität nahm. Doch wenn sie die Regie mehr den Kindern überließen, entwickelten sich überraschende Situationen. Kinder sind ja unbefangener im Erproben und Interpretieren von neuen Dingen.
vaeter.nrw:
Was können Väter und ihre Familien, die nicht an diesem Projekt beteiligt waren, für sich mitnehmen?
Dr. Donata Elschenbroich:
Das Projekt macht die Bedeutung des Lernens im Alltag bewusster. Kinder lernen nicht allein von den Dingen. Es braucht die Kommunikation mit den anderen, mit Erwachsenen. Die Sachforschung der Kinder ist immer zugleich Sozialforschung. Väter können ihr eigenes Weltwissen mit den Kindern teilen, wenn sie mit Kindern gemeinsam Dinge „erforschen“. Wenn sie zusammen beim Arzt oder der Ärztin im Wartezimmer sitzen, können sie sich zum Beispiel einen Kuli vornehmen. Ist da eine Kugel drin? Oder woher kommt der Name Kugelschreiber? Aus wie vielen Teilen besteht eigentlich so ein Schreibgerät? Zuhause können Väter und Kinder auch kleine Ausstellungen machen. Auf dem Fensterbrett oder im Spielzeugregal: Welchen Gegenstand gibt es nur in unserer Familie? Welches Ding haben wir schon mal repariert? Über welches Ding streiten wir oft? Ich möchte Väter auch ermutigen, darüber nachzudenken, welcher Elternteil welche Dinge mit den Kindern „bespielt“. Über diese kulturellen Zuschreibungen: Der Dübel ist ein Ding „für Männer“, das Schüttelsieb eines „für Frauen“. Das muss ja nicht immer so bleiben. Familien, die solche gelegentlichen Gegenstandsbetrachtungen zu einer Gewohnheit haben werden lassen, können das auch fortführen, wenn die Kinder älter sind und die üblichen Alltagsgegenstände schon „beherrschen“. Das regt immer wieder die Kommunikation an und es entstehen vielleicht seltener diese Parallelwelten innerhalb der Familie.
vaeter.nrw:
Was macht die Dinge, die uns umgeben, so attraktiv?
Dr. Donata Elschenbroich:
Ein erwachsener Mensch kennt rund 20.000 Gegenstände – und hat sehr viel Wissen dazu. Nicht nur Faktenwissen. Dinge haben breite Schultern: Es sind ja oft ganz individuelle Erinnerungen mit ihnen verbunden, etwa weil sie schon seit Generationen in der Familie sind oder weil sie ein Geschenk waren. Die Kommunikation über diese Gegenstände, das nahe Herangehen an ein Ding kann erstaunlich entspannend und beruhigend sein. Vielleicht weil diese Konzentration eine Gegenerfahrung ist zur Überstimulation durch die vielen elektronischen Informationen. Bei Kindern wie bei Erwachsenen kann dabei eine neue Hochachtung vor den Dingen entstehen. Man geht achtsamer mit ihnen um. Goethe sagt: „Jeder neue Gegenstand wohl beschaut, schließt ein neues Organ in uns auf.“
Zur Person:
Dr. Donata Elschenbroich

Dr. Donata Elschenbroich ist Pädagogin und Sachbuchautorin

  Text aktualisiert am 22.Juni 2016

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