Papa über Umwege

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Gespeichert von chefredakteur am 27. Mai 2016
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Papa über Umwege

Ungeplante Vaterschaft

Eigentlich führt das Wort Familienplanung in die Irre: Bestenfalls das Nicht-Kinderkriegen lässt sich halbwegs planen. Tatsächlich leiden viele Paare unter ihrem unerfüllten Kinderwunsch. Ein Paar aus Duisburg hatte die Hoffnung längst aufgegeben und sich in einem kinderlosen Leben eingerichtet, als dann doch der Nachwuchs kam.

 

Wie bei der Ziehung einer Lotterie kam Jan* sich vor, als ihm seine Frau im Sommer 2010 sagte, dass die Periode lange überfällig sei und sie jetzt mal einen Schwangerschaftstest machen sollten. „Wir waren unheimlich aufgeregt. Mussten nochmal nachlesen, ob der zweite Strich auf dem Tester wirklich heißt, dass Daniela schwanger ist.“ Spätestens die Untersuchung beim Frauenarzt ließ keinen Zweifel mehr: Lange nachdem sie das Kinderthema aus ihrem Leben gestrichen hatten, war es plötzlich passiert. Vorausgegangen waren sechs verzweifelte Jahre.

Alles passt – fast

Angefangen hatte es im Jahr 2000 wie bei vielen Paaren: Während des Studiums in Duisburg hatten sie sich in kennengelernt, verliebt und waren zusammengezogen. Sie genossen ihr freies Leben, die Abende im Kino, in Restaurants oder bei Konzerten. Sie heirateten 2005. Jan bekam eine Stelle als Lehrer in Geldern, Daniela arbeitete als Sozialpädagogin in Duisburg. Weil er aber jeden Tag fast eine Stunde zur Schule fahren musste, schauten sie sich nach einer Wohnung auf dem Land zwischen Duisburg und Geldern um. Nicht so schön wie ihre Altbauwohnung in Duisburg, aber größer – und kindgerecht. Denn mittlerweile war der Wunsch nach einer Familie gewachsen. „Alles lief bei uns so glatt, dass wir dachten, mit dem Kinderkriegen würde es genauso weitergehen“, sagt Jan. „Aber das war nicht so. Am Anfang haben wir noch Witze darüber gemacht, nach rund einem halben Jahr kamen allerdings die Zweifel.“ War einer von beiden unfruchtbar, wie die Frauenärztin vermutete? Sie ließen sich untersuchen. Kein Befund, alles ok. Als nächstes empfahl die Frauenärztin eine Hormontherapie – und das Kinderkriegen wurde zum Projekt.

Mit der Hormonbehandlung stieg für beide die psychische Belastung. Jan litt darunter etwas weniger als Daniela, aber auch er spürte den Druck: „Wir haben angefangen, unseren Sex genau zu planen. Alle Faktoren sollten optimal sein. Nur Romantik und Freude hatten da wenig Platz.“ Inzwischen drehten sich ihre Gespräche kaum noch um ein anderes Thema. Während Jan und Daniela auf die nächsten fruchtbaren Tage warteten, bekamen ihre Freunde der Reihe nach Kinder. „Wir haben uns das Leben schwer gemacht“, erinnert sich Jan, „Strichlisten und Statistiken geführt, wer noch ohne Kind war. Es wurden immer weniger und unsere Sozialkontakte genauso.“ Schließlich bekommen sie von einer Ärztin den Rat, es mit künstlicher Befruchtung zu versuchen. „Da haben wir gesagt: Halt, stopp! Wir begriffen, dass es Zeit wird, den Fuß vom Gas zu nehmen und etwas an unserer Einstellung zu ändern.“ Sie besuchten ein paar Mal eine Selbsthilfegruppe. Dort allerdings überbot man sich mit Tipps, welche Medikamente auszuprobieren seien, welche Ärzte bestimmte Therapien anbieten und wie man Leihmütter findet. „Es wird bessere Gruppen geben, aber in der wären wir keinen Schritt weiter gekommen.“

Umschwenken im Kopf

Stattdessen wandten sie sich an eine Psychotherapeutin. Sie gab ihnen die Aufgabe, zu lernen, dass sie auch ohne Kind ein glückliches und erfülltes Leben führen können. Dass sie die Vorteile entdecken und genießen sollten und in sich nach anderen Wünschen und Aufgaben forschen. Tatsächlich erwies sich die Frage nach anderen Lebenswünschen als entscheidend: Ein Leben auf dem Land wäre für Kinder bestimmt schön gewesen, ihr Ding war es aber nicht. Also zogen sie wieder in eine Duisburger Altbauwohnung. „Wir waren DINKs wie aus dem Bilderbuch [Anm. d. Red.: Double Income No Kids; engl. Abkürzung für kinderlose Paare mit doppeltem Einkommen], finanziell und familiär unabhängig. Wir haben einfach die Sau raus gelassen: Partys, Reisen und gutes Essen. Zunächst, um uns abzulenken und zu trösten. Aber wir merkten, welche Wünsche uns wirklich umtrieben“, sagt Jan.

Daniela hatte vor Jahren die Idee, als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin zu arbeiten, dies aber hinten angestellt – die Familienplanung ging vor. Jetzt begann sie mit der Ausbildung. Auch Jan half ein Blick in seine Vergangenheit: Er spielte schon als Schüler E-Gitarre und nutzte jetzt die Gelegenheit, seine eigene Band zu gründen, Songs zu schreiben und möglichst viel aufzutreten. „Wir fühlten uns richtig gut, nachdem wir verstanden, dass das Leben andere Dinge bereithält und wir nicht weitere Jahre einem Idealbild hinterher rennen müssen.“

Weniger Plan als Glück

Nach einem dreiviertel Jahr hatten sie sich mit der Kinderlosigkeit völlig arrangiert. Und genau in dieser Phase passierte es dann doch: Bruno war unterwegs und die Geburt wurde für den Februar 2012 ausgerechnet. „Wie ein Wunder. Völlig überraschend platzte die Nachricht in unser neues Leben. Soweit man das sagen kann, hatten wir damit wirklich abgeschlossen. Und doch fühlte es sich zu diesem Zeitpunkt unglaublich richtig an“, sagt Jan. Natürlich hätten sie gerne schon Jahre früher ein Kind bekommen. Aber für beide war es wichtig, ihre anderen Träume ausgelebt zu haben und sich ohne jeden Druck auf das Kind freuen zu können: „Wir sind in der Zeit reifer, reflektierter und entspannter geworden. Wir konnten begeisterte Eltern werden und das Kind als Geschenk sehen, nicht als selbstverständliches Ergebnis eines Projektplans.“ 

*Alle Namen von der Redaktion geändert.

(vaeter.nrw)

Text aktualisiert am 11.06.2016

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