Pflegen und leben

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Gespeichert von chefredakteur am 22. Juni 2016
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Pflegen und leben

Pflege

Pflege ist längst keine reine Frauensache mehr. Zwar ist die Mehrheit der Pflegenden weiblich, dennoch pflegen auch immer mehr Männer, betont Imke Wolf, die Leiterin der virtuellen Beratungsstelle pflegen-und-leben.de.

 

„Dank Ihrer Beratung gab es bei der Pflege meines Vaters zuletzt keinen Streit mehr wie sonst immer. Ohne aufkommende Wut konnte ich nun klar und ruhig die Probleme vermitteln. Ein gutes Gefühl“, schreibt einer der Nutzer der psychologischen Online-Beratung.

An wen kann man sich wenden?

Diplom-Psychologin Imke Wolf spricht von einer neuen Generation Mann, die sich verantwortlicher für die Familie fühlt. Oft sind es die Partnerinnen oder Ehefrauen, die von Männern gepflegt werden. Für Väter, die ihre kranken Kinder pflegen, ist pflegen-und-leben.de ebenso eine Anlaufstelle. Viele Nutzer des Portals fühlen sich allein und sind am Ende ihrer Kräfte.

„Seit drei Jahren pflege ich meinen Vater. Er hat Alzheimer. Sogar nachts muss ich mich um ihn kümmern, wenn er durch unsere Wohnung wandert und nach Hause will. Aber langsam geht mir die Puste aus. Besonders schlimm ist es, wenn mein Vater mich nicht mehr erkennt. Dankbarkeit spüre ich kaum. Manchmal wird er sogar aggressiv“, schreibt jemand. Bei der Online-Beratung von pflegen-und-leben.de bekommen pflegende Angehörige Unterstützung und Anerkennung.

Laut einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend erleben 53 Prozent der alten Menschen Gewalt durch pflegende Angehörige: Medikamentenüberdosierungen, psychische Gewalt oder sie werden eingesperrt. Die Dunkelziffer liegt noch deutlich höher. Im Rahmen der Gewaltprävention entstand auch die Online-Beratung von pflegen-und-leben.de als Modellprojekt. Seit 2010 können sich Hilfe suchende pflegende Angehörige an das psychologische Beraterteam rund um Imke Wolf wenden.

Schreiben hilft, sich die eigene Situation klar zu machen

„Wir bieten eine schriftliche und anonyme Beratung per E-Mail. Zeit ist für pflegende Angehörige ein rares Gut und so haben sie die Möglichkeit, sich zu jeder Tages- und Nachtzeit an uns zu wenden“, erklärt die Projektleiterin. Das Schreiben soll helfen, sich über die eigene Situation klarer zu werden, seine Gedanken zu sammeln und auch, eine andere Perspektive einzunehmen. Innerhalb einer Woche folgt dann die individuelle Antwort eines Psychologen aus dem Team – sie ist meist zwischen ein und drei A4-Seiten lang. Der Austausch kann bis zu einem halben Jahr dauern und bis zu zehn professionelle Antworten umfassen. Der Dienst ist für gesetzlich Krankenversicherte kostenlos.

„Die schriftliche Kommunikation ist deshalb auch so wichtig, weil sich viele Ratsuchende gar nicht trauen würden, ihre Gedanken auszusprechen. Oft sind die Probleme tabuisiert, weshalb die Anonymität sehr hilfreich ist. Wenn sich der demenzkranke Vater stark aggressiv oder sogar sexuell enthemmt verhält, dann möchte man das nicht gerne mit dem Hausarzt besprechen“, erklärt Psychologin Wolf. Ihrer Erfahrung nach leiden viele pflegende Angehörige aber auch unter Selbstzweifeln und Gewissensbissen: War es richtig, den Vater ins Heim zu geben? Wie kann ich meiner kranken Partnerin, meinem Beruf und meinem Kind gerecht werden? 

Pflegen kann nur, wer sich selbst pflegt

„Manchmal wünsche ich mir, Mutter wäre einfach tot. Ich fühle mich schlecht, wenn ich das sage oder auch nur denke. Aber meine Frau und ich sind durch die lange Pflege meiner Mutter wirklich am Ende. Seit Jahren hatten wir keinen richtigen Urlaub mehr. Es bleibt keine Zeit für uns selbst. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll“, schreibt Peter, 66 Jahre alt.

Auf die seelische Belastung folgen häufig körperliche Beschwerden wie Schlafmangel und Erschöpfung; auch Depressionen und Burnout sind keine Seltenheit. pflegen-und-leben.de setzt deshalb auf Selbstfürsorge: Denn pflegen kann nur der, der sich selbst pflegt. Neben der individuellen Beratung finden sich auf der Internetseite zahlreiche Tipps zum Durchatmen, Durchschlafen und Abschalten. Außerdem verweist eine Linkliste auf weitere Beratungsangebote wie Pflegestützpunkte und Initiativen von und für pflegende Angehörige. Die Online-Entlastung – wie sie Imke Wolf nennt – soll andere Beratungsangebote nicht verdrängen, sondern nur ergänzen. Die niedrigschwellige psychisch-therapeutische Anlaufstelle kann zum Beispiel dann helfen, wenn für eine persönliche Beratung keine Zeit ist oder man sich einfach mal den Kummer von der Seele schreiben will.

„Seit Wochen möchte ich mich mal wieder mit meiner Freundin treffen, aber immer kommt mir im letzten Moment etwas dazwischen. Sogar aus meinem Chor habe ich mich jetzt abgemeldet, weil ich nie Zeit für die Proben habe. Es ist zum verrückt werden, und allmählich werde ich immer einsamer“, schildert die 58-jährige Brigitte.

Fragen besser als Ratschläge

„Wir legen großen Wert darauf, den Ratsuchenden Anerkennung und Wertschätzung für ihre Leistungen entgegen zu bringen. Denn es ist nicht selbstverständlich, dass man Hobbys und Freunde aufgibt, um den Vater zu pflegen. Und es ist auch nicht immer die beste Lösung“, meint Imke Wolf. Sie verweist auf die vielen Alternativen, die es gibt; ein Vater muss nicht unbedingt vom Sohn oder der Tochter gepflegt werden. Doch nur die Hälfte aller Nutzer von pflegen-und-leben.de nutzt professionelle Hilfe zum Beispiel durch einen ambulanten Pflegedienst. Zudem sind 50 Prozent der Pflegenden noch berufstätig. „Wir vermeiden es, Ratschläge zu geben, aber stellen Fragen, durch die sich pflegende Angehörige neue Gedanken erlauben. Wie und wo ende ich, wenn ich mich für die Pflege meines Vaters völlig selbst aufgebe? Welche Wünsche und Bedürfnisse habe ich?“, erklärt Wolf ihre Arbeitsweise. Am Ende der Beratung fühlen sich die pflegenden Angehörigen weniger belastet, gestresst und ängstlich, auch das melden sie zurück. Imke Wolf ist zufrieden mit ihrem Projekt.

pflegen-und-leben.de wird getragen von der gemeinnützigen GmbH Catania, die sich seit 2005 für die Prävention häuslicher Gewalt sowie die nachhaltige Verbesserung der medizinischen und psychosozialen Versorgung von traumatisierten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in Deutschland einsetzt. Seit April 2014 findet das Angebot in Kooperation mit den drei Pflegekassen Barmer GEK Pflegekasse, TK-Pflegeversicherung und DAK-Gesundheit-Pflegekasse statt. Zum Beraterteam von Imke Wolf gehören fünf weitere Kolleginnen.

Text aktualisiert am 22. Juni 2016

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