Wenn Kinder ausziehen

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Gespeichert von chefred03 am 10. August 2016
Leeres Vogelnest
11. August 2016

Raum für Neues: Wenn Kinder ausziehen

Paarbeziehung adé?

Irgendwann ziehen Kinder einfach aus, verlassen ihre Eltern, fangen ein eigenständiges Leben an. Sie hinterlassen eine Leere, die sich nicht auf das entvölkerte Kinderzimmer beschränkt. Vielmehr wirkt sie auch auf die elterliche Paarbeziehung. Denn der Moment des Auszugs erwischt viele Eltern auf dem falschen Fuß, sie sind darauf nicht vorbereitet und fallen in ein tiefes Loch – mitten in ihrem leeren Nest.

 

Kinder bereichern das Leben. Sie erfüllen es, sind Inhalt von Denken, Handeln und Reden der Eltern und geben ihnen die Bestätigung, etwas Sinnvolles zu bewirken. Aber was passiert, wenn sich die Kinder von Mama und Papa lösen und ihre eigenen Wege gehen, mit Koffern und Kartons das Haus verlassen? Viele Eltern kämpfen dann mit Einsamkeit, Bedeutungsverlust, Antriebslosigkeit bis hin zur Depression oder schlicht Langeweile – typischen Symptomen für das sogenannte Empty-Nest-Syndrom. „Welche Anzeichen tatsächlich auftreten und wie stark Eltern unter dem Kinderauszug leiden, hängt von ihrer allgemeinen Lebenssituation in dem Moment ab“, sagt Isabella Stockert, Paar-Coachin und Beraterin aus Düsseldorf. Und die Lebenssituationen von Vater und Mutter können sehr verschieden sein.

Kein Problem für Väter?

Wird in den Medien vom Empty-Nest-Syndrom gesprochen, fällt daher auch auf, dass es sich scheinbar um ein Mütter-Problem handelt. Es gibt reihenweise Berichte und Artikel, Selbsthilfegruppen und Initiativen, die sich ganz gezielt auf die Mamas konzentrieren. „Selbst in der Forschung spielen Väter in diesem Zusammenhang bislang eine untergeordnete Rolle“, sagt Isabella Stockert. „In dem Maße jedoch, wie sich die Väter nicht länger nur als Ernährer sehen und sich immer aktiver und näher am Familiengeschehen beteiligen, werden sie empfänglicher für Lebenskrisen bei flügge werdenden Kindern.“ Aber auch in Familien mit sehr klassischer Rollenaufteilung ist es entscheidend, in welcher väterlichen Lebensphase das letzte (einzige) Kind das Haus verlässt: Ist Papa noch verhältnismäßig jung, vielleicht erst Mitte vierzig, dann steht er mitten im Arbeitsprozess, bastelt vielleicht gerade an seiner Karriere. Die Arbeit kann ihm Lebensinhalte und Bedeutung verschaffen und ihn ein gutes Stück weit auffangen. Fällt allerdings bei älteren Vätern der Auszug ungefähr mit der Rente zusammen, erleben sie das Empty Nest Syndrom viel unmittelbarer und ohne einen parallelen Aufgabenbereich in der Arbeitswelt.

Neue Gemeinsamkeiten

Kommen ratsuchende Väter und Mütter zu Isabella Stockert, beginnen sie oft, ihr Leben gründlich umzustrukturieren. Das Ziel: Die Lebensqualität wieder erhöhen. Dafür machen sie sich gemeinsam auf eine innere Wunschsuche. „Die neue Situation ist eine Gelegenheit, sich ein paar Fragen zu stellen. Beispielsweise nach verschütteten Leidenschaften oder Hobbys, die in den Jahren mit Kindern verdrängt oder vernachlässigt wurden“, sagt die Beraterin. Dazu können auch alte und neue Freundschaften gehören – in jedem Fall aber muss der Impuls von innen kommen. So könnte der Wunsch, mit den Kindern Kontakt zu halten, die Eltern tiefer in moderne Kommunikationstechniken eintauchen lassen. Eltern, die wissen, wie sie mit Skype, WhatsApp oder FaceTime umgehen, überbrücken die räumliche Distanz leichter.

„Idealerweise finden Paare ein gemeinsames Drittes. Das kann ein Hobby sein, das man früher schon geteilt hat oder eine karitative Aufgabe, die beide jetzt zusammen angehen. Denn die Krise ist meist nicht nur eine persönliche, sie betrifft die Paarbeziehung insgesamt, und daran können beide etwas tun.“ Deshalb rät Isabella Stockert, sich unter anderem wieder mehr Gedanken um die eigene Attraktivität zu machen – Zeit dürfte dafür nun wieder vorhanden sein.

Lebensinhalte pflegen

Aber eigentlich sollten Eltern den Auszug ihrer Kinder schon viel früher im Kopf haben, findet Isabell Stockert: „Für die Familie da zu sein, ist wunderschön. Aber Selbstaufgabe und Aufopferung kann damit kaum gemeint sein. Es geht stattdessen darum, dass Väter und Mütter im Familienleben Raum für sich frei halten.“ Nach ihrer Erfahrung ist das auch für die Kinder wertvoll. Die profitieren davon, ihre Eltern als eigenständige Persönlichkeiten mit individuellen Lebensinhalten zu erleben – und können sie so für sich als Vorbilder nutzen. Mama und Papa müssen auch keine Sorge haben, herzlos zu sein, wenn sie sich schon frühzeitig um einen konkreten Punkt Gedanken machen: Was lässt sich wohl alles aus dem Kinderzimmer machen, sobald der Nachwuchs mal sein eigenes Zuhause hat?

 
Isabella Stockert ist Coachin und Psychologische Beraterin mit Praxis in Düsseldorf.

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