Vater ist, das was du draus machst!
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Konflikte

Pro & Contra zu demokratischer Urlaubsplanung

Familienkonflikte

Berge oder Meer? Action oder Erholung? Die Frage nach dem richtigen Familienurlaub birgt Konfliktpotenzial. Um trotz unterschiedlicher Vorstellungen der Familienmitglieder zu einem Entschluss zu kommen, gibt es daher zwei grundsätzliche Wege: Demokratisches Aushandeln oder diktatorisches Bestimmen.

Demokratische Variante

Im Urlaub sind wir fast den ganzen Tag zusammen, da will ich kein Kind, dass die ganze Zeit jammert und unzufrieden ist, weil es „vieeeel liiiieber“ woanders hin fahren wollte. In unserer Familie können alle mitentscheiden, dann sind auch alle zufrieden. Und wenn das Wetter schlecht ist, sind wir alle mit „Schuld“, dass es dieses Jahr nach Dänemark ging und nicht ins sonnige Italien. Natürlich ist nicht alles machbar bzw. finanzierbar, was meine Söhne und meine Tochter vorschlagen. Dann setzen wir uns zusammen, meine Frau und ich erklären, was geht und was nicht und dann entscheiden wir gemeinsam, ob wir an einem Ort alle Interessen unterbringen können. Dabei lernen meine Kinder nebenbei, ihre Interessen zu formulieren, dafür einzutreten und Kompromisse zu machen – sehr nützliche Fertigkeiten, auch abseits der Urlaubsplanung. Ich erlebe diese Einigungsprozesse natürlich dann und wann als anstrengend, aber dafür merke ich, wie der gemeinsame Entscheidungsprozess die Vorfreude bei den Kindern erhöht. Und: die Konflikte räumen wir vorher aus dem Weg, sodass wir tatsächlich entspannt in den Urlaub starten können!

Diktatorische Variante

Der Vater, der Tyrann – das kann man so sehen, wenn man möchte. Aber meine Partnerin und ich arbeiten hart, kümmern uns in jeder freien Minute um die Kinder und den Haushalt, stecken im Alltag viel zurück. Deshalb finde ich es völlig legitim, dass wir vor allem überlegen, was WIR im Urlaub brauchen, um unsere Akkus aufzuladen. Deshalb suchen wir die Urlaubsziele aus und überlegen, ob uns mehr nach Aktivurlaub, Faulenzen oder Kulturprogramm zumute ist. Denn wir als Eltern möchten mal was anderes sehen, auch wenn die Kinder immer wieder in den gleichen Urlaubsort wollen, weil es ihnen dort so gut gefällt. Natürlich sind wir nicht so unfair und entscheiden uns für eine Reiseart, ein Reiseziel, von dem wir wissen, dass es ihnen gar nicht gefallen wird. Da würden wir uns ja auch selber „ins eigene Fleisch schneiden“, denn wenn Sohn und Tochter nur meckern, ist unsere Entspannung ebenfalls verdorben. Bis jetzt haben sie sich aber noch immer auf die von uns geplanten Urlaube gefreut und die gemeinsame Zeit mit uns genossen – egal wohin wir gefahren sind!

Die Erholungsfalle

Familienkonflikte

Endlich Ferien – die Beine hochlegen, den Stress auf der Arbeit vergessen und entspannen. Obwohl dies eigentlich die schönste Zeit im Jahr sein könnte, sieht die Realität oft anders aus. Gerade im Urlaub wird besonders viel gestritten, denn Eltern und Kinder sind längst nicht immer einer Meinung. Und schon ist sie vorbei – die langersehnte Entspannung.

Im Interview mit vaeter.nrw erklärt Diplom-Psychologe Thomas Lindner, wie man der „Erholungsfalle“ entgehen kann. Der 62-jährige ist selbst Vater eines erwachsenen Sohnes. Seit 10 Jahren leitet er die Beratungsstelle für Eltern, Jugendliche und Kinder des Caritasverbandes in Köln-Porz. Gemeinsam mit Kollegen berät er dort auch Familien und erzieherische Fachkräfte. Zu seinen Beratungsschwerpunkten gehören unter anderem Erziehungsfragen und Familienkrisen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Im Urlaub wird oft gestritten. Viele Scheidungen werden nach dem Urlaub eingereicht. Wenn die Kinder dabei sind, steigt das Konfliktpotenzial noch. Warum ist das so?

Das hat verschiedene Gründe. Erst einmal verbringt man sehr viel Zeit zusammen. Man hängt pausenlos aufeinander und hat keine Rückzugsmöglichkeiten. Da ist es ganz natürlich, dass man öfter aneinander gerät. Die sonst klassische Lebenseinteilung von Beruf und Privatleben wird aufgehoben: Der Vater, der vielleicht sonst den ganzen Tag arbeitet und die Kinder nur am Abend sieht, hat diese nun rund um die Uhr um sich. Gerade für Männer, die aus einem leistungsorientierten Job kommen, ist es gar nicht so einfach, mal eben auf Entspannung und Erholung umzustellen. Das braucht seine Zeit. Hinzu kommen ganz unterschiedliche Interessen, Vorstellungen und auch Ansprüche der einzelnen Familienmitglieder an den gemeinsamen Urlaub.

Laut Umfragen gehören besagte unterschiedliche Interessen zu den häufigsten Ursachen für Streitigkeiten im Urlaub. Wie sehen sie aus, die unterschiedlichen Ansprüche der Eltern und Kinder an den Urlaub?

Das kann man so pauschal schlecht sagen, es ist immer alters- und personenabhängig. Während Heranwachsende sich wohl auch mal für einen Museumsbesuch begeistern können, wollen jüngere Kinder eher spielen oder Sandburgen bauen. Die Erwachsenen hingegen wollen loslassen vom Alltag, in Ruhe ein Buch lesen oder einfach in der Sonne entspannen. Und eben genau diese unterschiedlichen Ansprüche gilt es dann unter einen Hut zu bringen. Dabei ist es wichtig, die eigenen Bedürfnisse zu kennen und diese auch klar und offen zu kommunizieren – das gilt für Eltern und Kinder gleichermaßen.

Wie mache ich das, ohne dass sich jemand ausgeschlossen oder vernachlässigt fühlt?

Ganz klar: ohne Kompromisse geht das nicht. Wichtig ist, sich bei der Urlaubsplanung schon darüber klar zu werden, was die einzelnen Personen machen wollen. Und dann muss man sich einfach an einen Tisch setzen und überlegen, wie man das am besten verbinden kann. Es ist auch gar nicht gut, die ganze Zeit alles zusammen machen zu wollen. Warum sich nicht einmal aufteilen? Ein Elterteil fährt mit dem Sohn Rad und der andere geht mit der Tochter zum Shoppen – oder andersherum. Wichtig ist auch, dass die Kinder Rücksicht auf ihre Eltern nehmen. Sie müssen nicht schon morgens um 7 Uhr Monopoly spielen, nur weil das Kind das fordert.

Gibt es denn ein Patentrezept – ein Urlaubsziel, einen Ausflug oder ähnliches – bei dem sich Eltern und Kinder gleichermaßen entspannen können?

Ein Patentrezept gibt es nie. Man sollte den Urlaub auch nicht mit Erwartungen überfrachten. Gerade in den Ferien sollte es keinen Leistungsdruck geben. Die Dinge können auch mal schief gehen. Wenn möglich, informieren Sie sich schon vor Urlaubsbeginn, was man am Reiseort machen kann und wählen Sie gemeinsame Aktionen aus. Je nach Interessenlage kann das eine Kanutour sein, eine Stadtbesichtigung oder ein Vergnügungspark. Seien Sie aber auch flexibel genug, um sich vor Ort an sich ändernde Bedürfnisse anzupassen. Vielleicht möchte der Teenager-Sohn lieber etwas mit Gleichaltrigen machen oder Ihr Kleinkind fühlt sich in der Gruppenbetreuung des Hotels ganz wohl. Kinder können sich auch mal alleine beschäftigen – ein Buch lesen, Spiele spielen oder Musik hören – Dinge, die Sie beim Packen nicht vergessen sollten.

Und wenn es doch mal zum Streit kommt?

Dann gilt das Gleiche wie zuhause auch: Ruhe bewahren. Offen und ehrlich sein, zuhören, den Gegenüber ernst nehmen, ebenso wie die eigenen Bedürfnisse. Versuchen Sie, die jeweils andere Partei zu verstehen und verlieren Sie nicht aus dem Blick, dass es Ihnen eigentlich um das Gleiche geht: einen schönen gemeinsamen Urlaub zu verbringen. Arbeiten Sie nicht gegeneinander und versuchen Sie Kompromisse zu finden, mit denen alle zufrieden sind. Sollte es dennoch zur Eskalation kommen, entziehen Sie sich der Situation für einen Moment: Gehen Sie eine Runde um den Block oder zählen Sie innerlich bis zehn. Wichtig ist, dass Sie selbst dafür sorgen, Ihrem Gegenüber wieder ohne Aggressionen zuhören zu können.

Spannung und Entspannung. Erholung. Spaß und Action. Ein Urlaub kann viele verschiedene Gesichter haben. Warum ist er so wichtig für das gemeinsame Familienleben?

Der Urlaub ist für Familien auch eine Zeit des Kennenlernens. Dies gilt insbesondere für Väter, die viel arbeiten oder ihr Kind nur alle zwei Wochen sehen können, weil es bei der Mutter lebt. Nutzen Sie diese Zeit der intensiven Begegnung. Suchen Sie gemeinsame Erlebnisse und genießen Sie es, aus dem Alltag auszubrechen. Und selbst wenn eine Unternehmung mal nicht so wird wie geplant, dann sehen Sie das als Chance. Auch das neu gewonnene Wissen, dass der Sohn kein so großer Segelfan ist wie der Vater und sich bei einem Ausflug auf hoher See langweilt, ist wichtig für die Vater-Kind-Beziehung. So lernt man sich gegenseitig noch besser kennen und findet vielleicht auch gleich Ideen für die kommende Urlaubsplanung.