Der Kinderblick auf Vater und Mutter

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Gespeichert von chefredakteur am 17. März 2016
Vater und Sohn liegen auf dem Sofa

Umgekehrte Perspektive: Der Kinderblick auf Vater und Mutter

Gastbeitrag

Sowohl in Theorie und Forschung als auch in der erzieherischen Alltagspraxis galt die Aufmerksamkeit bislang fast exklusiv dem Blick von Erwachsenen auf Kinder. Allzu oft glauben die „Großen“ – so auch Eltern – zu wissen, was in den „Kleinen“ vor sich geht. Höchste Zeit, diese eingefahrene Blickrichtung umzukehren und Kinder dazu einzuladen und zu ermutigen, ihre ganz individuelle Sicht auf Vater und Mutter zu offenbaren. – Ein Gastbeitrag von Dr. Johannes Huber, Universität Innsbruck

 

Grundsätzlich sind Kinder, und dies bereits vom frühesten Lebensalter an, unbeirrbare Seismographen für das Verhalten und auch das Erleben ihrer Eltern. Je mehr innere Ruhe und Sicherheit beispielsweise ein Vater mitbringt, desto mehr Offenheit und Feinfühligkeit wird dieser den offenkundigen wie auch subtilen Botschaften seines Kindes entgegenbringen können.

Was wünschen sich Kinder von ihren Vätern?

Befragungen von Kindern lassen bereits im Vorschul- und Grundschulalter erkennen, dass diese sehr wohl in der Lage sind, ein differenziertes und gegebenenfalls auch kritisches Bild der Kind-Vater-Beziehung zu entwerfen. Für Kinder sind dabei zwei Aspekte von hoher Relevanz: die gemeinsam verbrachte Zeit sowie die regelmäßige Kommunikation mit dem Vater. Gerade die nicht verplante Zeit, das eher „beiläufige“ Zusammensein, bietet Kindern oftmals erst die Möglichkeit, sich über aktuelle Bedürfnisse mit dem Vater auszutauschen. Dieser Befund deckt sich mit der in Untersuchungen gehäuft berichteten Klage von Kindern über den eklatanten Mangel an väterlicher „Zeitverwendung“ mit ihnen.



Vor diesem Hintergrund erweisen sich Alltagsrituale und -routinen (wie zum Beispiel regelmäßige Mahlzeiten im Kreise der Familie, Gute-Nacht-Geschichten) oder exklusive und (handy-)ungestörte Zeiten mit dem Vater als zentrale und im hektischen Alltagsgeschehen allzu bereitwillig geopferte Möglichkeiten für beziehungsförderliche Auszeiten und Gemeinsamkeitserfahrungen.



Eine sich oftmals bereits in frühen Kinderjahren einschleichende „randständige Position“ des Vaters in der Familie (durch fehlende Alltagsverfügbarkeit) wird von Kindern nicht nur bedauert, sondern macht sich unter gewissen Umständen auch außerhalb der Familie bemerkbar: So sind es insbesondere Jungen mit ausgeprägt erlebter „Vaterferne“, die ihre Beziehungswünsche nach einer gleichgeschlechtlichen Identifikationsfigur und Bindungsperson auf pädagogische Fachkräfte (zum Beispiel Kindergärtner oder Lehrer) übertragen, ohne dass diese den leiblichen Vater in vollem Umfang ersetzen könnten. Generell fehlt es Jungen im Alltag häufig an positiven männlichen Anschlussmöglichkeiten. 



Für Töchter und ihre weibliche Identitätsentwicklung spielt der Vater eine ebenso bedeutsame, wenngleich andere Funktion als für Söhne. So scheint gerade „der Glanz im Auge des Vaters“ angesichts seiner Tochter ein ganz tiefgreifendes und frühes Entwicklungsbedürfnis des Mädchens zu stillen. Dieses erfährt ein Wiederaufleben besonders in der jugendlichen Ablösungsphase, wenn die Tochter nicht mehr als das „kleine Mädchen“, sondern als eigenständige und ebenbürtige junge Frau die liebende Anerkennung ihres Vaters sucht.



Aber selbst in Familien, in denen der Vater langfristig physisch nicht anwesend ist,  besitzt er im seelischen Innenleben des Kindes oftmals weiterhin große und anhaltende Bedeutung: Zum Beispiel wünscht es sich den Vater sehnlichst herbei oder erschafft ein überhöhtes, idealisiertes Vaterbild in seiner Fantasiewelt. Der kindliche Blick auf den Vater wird dabei auch wesentlich vom inneren Bild, das die Mutter vom Vater beziehungsweise dem Ex-Partner hat, beeinflusst. Je mehr die Mutter selbst zu einer wertschätzenden oder zumindest konfliktbefreiten inneren Haltung kommt, umso eher ist sie auch offen für die Beziehungswünsche des Kindes gegenüber dem Vater.

Die „Perspektive vom Kinde aus“

Wen das kindliche Erleben von Vater und Mutter und seiner Beziehung zu ihnen interessiert, der sollte sich stets die mehrfache Abhängigkeit des Kindes bewusst machen: Seine Bedürfnisse nach Schutz, nach Versorgung, nach bedingungsloser Wertschätzung und dem „Gesehen-werden“ beeinflussen essentiell das kindliche Urteil. Ein Kind hat in der Regel nur die eine Familie, welche es – und sei sie mit noch so vielen Schönheitsfehlern behaftet – lieben und irgend möglich vor sich selbst und anderen schützen und bewahren will. Entsprechend anspruchsvoll gestaltet sich, insbesondere bei kleinen Kindern, die forschende Suche nach zuverlässigen Hinweisen auf scheinbar so einfache Fragen wie: „Was wünscht sich ein Kind vom Vater?“ oder „Wie erlebt ein Sohn oder eine Tochter seinen/ihren Vater?“.



Zur Erschließung der „Perspektive vom Kinde aus“ sind in jedem Falle unterschiedliche Zugangswege möglich – und nötig. Neben sprachlichen Mitteilungen sind ebenso indirekte Ausdrucksformen (wie Kinderträume, Kinderzeichnungen, im Spiel szenisch zur Schau gestelltes) wichtige Schlüssel, um sich den Aussagen über kindliche Bedürfnisse im Allgemeinen und ihres Beziehungserlebens von Vater und Mutter im Speziellen annähern zu können.


 

 




Psychologe Dr. Johannes Huber forscht und lehrt an der Bildungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Innsbruck zu Fragen der kindlichen Entwicklung und Sozialisation. Gemeinsam mit dem Psychologen und Psychoanalytiker Prof. Dr. Heinz Walter hat er Ende 2015 das Buch „Der Kinderblick auf Vater und Mutter • Wie Kinder ihre Eltern erleben“ herausgegeben. Der Band versammelt sozialwissenschaftliche und berufspraktische Beiträge zur ganz eigenen Sicht von Töchtern und Söhnen auf Vater und Mutter.

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