Beratung: Väter (will)kommen

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22. September 2016

Väter suchen sich Hilfe? Selbstverständlich!

Gastbeitrag

Männer – und damit Väter – suchen sich ungern Hilfe. Sie wollen ihre Probleme selbst lösen. Das fängt beim Handbuch für den Fernseher an und hört bei Gesundheitsfragen längst nicht auf. Auch wenn es um beratende oder therapeutische Angebote geht, sind Männer häufig schwer zu begeistern. Unsere Gastautoren Andreas Eickhorst und Ansgar Röhrbein haben ein Buch herausgegeben, das sich auf die Suche nach der richtigen Ansprache für Väter macht.

 

Es ist noch nicht allzu lange her, da wurde auf einem TV-Kanal ein kleines Experiment gezeigt: Frauen und Männer erhielten die Aufgabe, in einer begrenzten Zeit von A nach B zu fahren und möglichst pünktlich dort anzukommen. Dahinter stand die These, dass die Frauen eher geneigt waren, nach dem Weg zu fragen als die Männer. Tatsächlich bestätigte sich diese These zumindest bezogen auf die kleine Gruppe in der Sendung. Beim Zuschauen konnte man schon fast den Eindruck bekommen, dass ein Großteil der Männer eher aufgeben würde als nach dem Weg zu fragen. Riskieren Männer also lieber ein Scheitern – statt Unterstützung zu suchen? Und gilt das auch für Männer, die Väter geworden sind und in dieser Rolle eine neue Verantwortung tragen?

Wir glauben, dass zumindest die Bereitschaft der Väter inzwischen größer wird, sich in Krisen oder Überforderungssituationen Hilfe zu holen. Allerdings kommt es auch auf die Art der Angebote an, ob Väter von sich aus davon Gebrauch machen oder nicht. Daher wollen wir in diesem Beitrag auf einige Aspekte eingehen, die aus unserer Sicht die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Angebot und Vater zueinander finden.

Die Präsenz des Vaters ist ein Gewinn

Bevor wir zu diesen hilfreichen Faktoren kommen, zunächst ein kleiner Einblick in die Bedeutung heutiger Vaterschaft. Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass Väter (im Vergleich zu Müttern) anders sind, aber im Umgang mit ihren Kindern gleichermaßen kompetent. Väter sind für die Entwicklung des Kindes von entscheidender (Mit-)Bedeutung und in vielen Bereichen ein gutes Pendant zur Mutter. Wassilios E. Fthenakis (2009), Väterforscher der ersten Stunde, fasst den Stand der Forschung, wie folgt zusammen: „Der Vater ist (…) insbesondere für die soziale Entwicklung des Kindes wichtig, fördert dessen kognitive Entwicklung und die Empathie und trägt wesentlich zur Identitätsentwicklung des Kindes bei“. Gerade ihr Spielverhalten wird bereits von kleinen Kindern sehr geschätzt, denn Väter bevorzugen bewegungsstarke, körperlich stimulierende Spielformen mit abrupteren Wechseln zwischen aktiven und passiven Phasen, was Kinder aufregend finden.
 
Zugleich wollen immer mehr Männer als Vater in der Familie präsent sein und eine aktive Rolle im Leben ihrer Kinder spielen. Die Trendstudie „Moderne Väter” der Väter gGmbH (2012) zeigt, dass es für Väter – neben dem Geldverdienen – zusehends darum geht, ihrem Kind liebevoller Ansprechpartner und Vertrauensperson zu sein. Die reine Fixierung auf die Ernährer-Rolle hat ausgedient, auch wenn der Wunsch nach guter Absicherung bleibt.

Väter sind als Elternteil und Bindungsperson grundsätzlich genauso verantwortlich und fähig im Umgang mit ihren Kindern wie Mütter, und ihre Präsenz ist für alle Familienmitglieder ein Gewinn! Das ist seit Jahren unsere Grundhaltung in der Arbeit und Motivation, Vätern einen möglichst leichten und einladenden Zugang in Beratungsangebote zu verschaffen.

Wann fühlen sich Väter eingeladen?

Bereits 1989 hat Hermann Bullinger auf die Notwendigkeit von positiv ausgerichteten Angeboten für Väter hingewiesen, in denen sie nicht (nur) als Anhängsel der Mütter, sondern als persönlich motivierte und interessierte Teilnehmer gesehen werden. Seiner Forderung lag die Annahme zugrunde, dass bereits durch die Ausschreibung, Kursgestaltung und „Eintrittskarte“ oftmals eine gewisse väterbezogene ablehnende Grund-Haltung signalisiert wird. Natürlich stellt es in der Begrüßung einen Unterschied dar, ob ich sage „Schön, dass Sie mitgekommen sind“, oder „Schön, dass Sie da sind“. Mit allen (für die Familie und den Prozess) wichtigen Stärken und Fähigkeiten!

Daher ist es uns immer wichtig, Väter wirklich zu beteiligen und nicht nur mit einzubeziehen. Bei den zahlreichen Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen, die wir gestalten durften, ist uns immer wieder die Aussage begegnet: „Ach, eigentlich bin ich ganz froh, dass der Vater sich raus hält. Mit der Mutter alleine fühle ich mich sicherer“. Hier gilt es, in allen familienorientierten Bereichen und den „Frühen Hilfen“ nach geeigneten Wegen einer Väterbeteiligung zu suchen und zu forschen. Aber auch, die entsprechenden Fachkräfte zu schulen, damit sie der Zielgruppe der Väter noch selbstverständlicher begegnen können. Erste Ideen sind in diesem Zusammenhang bereits formuliert, brauchen aber noch eine größere Verbreitung.

Uns als Autoren ist es ein großes Anliegen, Väter in ihren Wünschen, ihrer Haltung und ihrem Auftreten ernst zu nehmen und den sinnhaften guten Gründen ihres Handelns nachzugehen. Aufgrund unserer jeweiligen Arbeitskontexte schlägt dabei unser Herz besonders auch für die Väter, die sich nicht unmittelbar zu 100 Prozent motiviert in den Beratungs- und Therapieprozess stürzen, sondern häufig zunächst verhalten abwartend und überprüfend in den Kontakt gehen.

Manchmal braucht es aufgrund von Sozialisationseinflüssen und männlicher Skepsis tatsächlich etwas mehr Zeit, Väter für einen Prozess zu gewinnen. Hier werben wir, aufgrund eigener Erfahrungen, für eine wohlwollend hartnäckige Einladungskultur und im wahrsten Sinne für einen „roten Teppich“ der das herzliche Willkommen zum Ausdruck bringt und das Eintreten erleichtert. Gerade wir Systemiker haben ja mit unserer Annahme der guten Gründe eine echte Chance, Menschen zu erreichen, die sich zunächst „unmotiviert“ zeigen. Wie kommen wir also in Schwung? Zunächst einmal, in dem wir unseren Klienten unvoreingenommen menschlich begegnen und ihnen konstruktive Schritte zutrauen. „Wenn wir das Gute im Menschen sehen, bewirken wir das Gute im Menschen“. Damit hat Jean Paul einen ausgesprochen hilfreichen „Leitsatz“ formuliert, der in erster Linie ein Ausdruck unserer Haltung ist, mit der wir auf die Väter zugehen. Aus unserer Sicht werden Väter oftmals verkannt und immer noch vorschnell in bestimmte Schubladen gesteckt, was ihren Motiven und Absichten häufig nicht gerecht wird. Wir werben daher für eine geduldige, zugewandte und interessierte Haltung Vätern gegenüber, damit sie eine Chance haben, langsam anzukommen. Und wir werben für eine gleichberechtigte Würdigung, die in dem Titel unseres Buches „Wir freuen uns, dass Sie da sind“ explizit zum Ausdruck kommt. Die Zeiten, in der Väter mit den Worten begrüßt wurden, „Schön, dass Sie mitgekommen sind“, sollten nach unserer Einschätzung endgültig der Vergangenheit angehören. Wir haben in unseren Kontexten die Erfahrung gemacht, dass Väter, die sich in der jeweiligen Institution willkommen und ernstgenommen fühlen, wertvoll einbringen und auch über ihren eigenen Schatten springen können.

Die Tür steht offen

Eine selbstverständliche und frühzeitige Beteiligung der Väter kommt aus unserer Sicht (in den meisten Fällen) allen Beteiligten im Familiensystem zu Gute und erleichtert den Austausch sowie die Entwicklung von Lösungsideen. In diesem Sinne hoffen wir, dass wir mit unserem Buch einen kleinen Teil zu einer Geschlechterdemokratie im „Kleinen“ beitragen können und dass der Dialog zwischen den Geschlechtern moderiert gelingen kann. Wir sind davon überzeugt, dass in diesem Zusammenhang nach wie vor das schöne Konzept der „bezogenen Individuation“ von Helm Stierlin hilfreich ist. Es geht davon aus, dass Partnerschaft von der Verbundenheit und der Autonomie der Individuen und ihrem Dialog darüber lebt. Das ist ein Prozess. Mal klappt er alleine, mal braucht er Unterstützung von außen, mal führt er wieder zusammen, mal endet er in der Trennung. In jedem Falle laden wir ein zum Gespräch. Der Austausch über die Wünsche der einzelnen Familienmitglieder hat aus unserer Sicht einen großen Charme und er hilft dabei, in einen Abwägungsprozess einzusteigen, der neben den strukturellen Faktoren auch die persönlichen Möglichkeiten einbezieht und zu wertvollen Vereinbarungen führen kann. Die Kunst der Balanceakte liegt ja gerade in der Anerkennung des „Einerseits und Andererseits“ und in dem verantwortungsvollen Umgang mit dieser nachvollziehbaren Ambivalenz. Dies bedeutet auch, dass wir einladen zu einem spielerischen und respektvollen Umgang mit Gleichheit und Unterschiedlichkeit, denn Geschlechterrollen sind nicht einfach, sie entwickeln sich weiter als Teil des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens. In der Beratung können solche Prozesse (falls gewünscht) moderiert und begleitet werden. Die Tür steht offen! Für Väter, genauso wie für Mütter. Machen Sie sich ein Bild von den Angeboten in Ihrer Region und überlegen Sie, was Sie benötigen, um sich gut aufgehoben zu fühlen. Dann laden wir Sie ein zum Praxistest.

Die Kapitel unseres Buches „Wir freuen uns, dass Sie da sind“, die sehr unterschiedliche Kontexte von Vaterschaft und psychosozialer Arbeit mit Vätern abbilden (so etwa unter vielem anderem die Kontexte Strafvollzug, Suchtproblematik, Trennung, Behinderung oder „Regenbogenfamilie“), versuchen, diese Balanceakte der Geschlechterdemokratie aufzuzeigen und auch deutlich zu machen, wo noch Lücken und Spielräume bestehen. In diesem Sinne möchten wir auch unser Buch gern als Beitrag zum Dialog zwischen den Geschlechtern sehen. Feedback für den Inhalt von LeserInnen beiderlei Geschlechts ist sehr erwünscht!

Ansgar Röhrbein & Andreas Eickhorst

 

Der Diplom-Psychologe Dr. Andreas Eickhorst promovierte über das Vatererleben. Am Universitätsklinikum Heidelberg koordinierte er das Frühe-Hilfen-Projekt „Keiner fällt durchs Netz“. Er ist wissenschaftlicher Referent beim Nationalen Zentrum Frühe Hilfen am Deutschen Jugendinstitut in München. Zudem ist er Mitglied im Väter-Experten-Netz Deutschland und im Münchner Informationszentrum für Männer sowie Vorsitzender im Augsburger Väterverein Papagen.
Der Diplom-Pädagoge Ansgar Röhrbein leitet das Märkische Kinderschutz-Zentrum in Lüdenscheid. Nebenberuflich arbeitet er als Lehrtherapeut für das Helm-Stierlin-Institut (hsi) in Heidelberg und das Institut für systemische Forschung, Therapie und Beratung (ISFT) in Magdeburg, wo er gleichzeitig zweiter Vorsitzender ist. Als Supervisor begleitet er Teams und Unternehmen auf dem Weg zu einer fürsorglichen Mitarbeiterkultur und väterfreundlichen Rahmenbedingungen. Er ist Mitglied im Väterexperten-Netz Deutschland (VEND e.V.) und gestaltet die Väterarbeit in NRW aktiv mit.

 

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