Vom Paar zur Familie – Beziehungen neu definieren

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Gespeichert von chefredakteur am 22. Juni 2016
Paar geht im Wald spazieren

Vom Paar zur Familie – Beziehungen neu definieren

Tipps

Die Geburt des ersten Kindes markiert im Leben einen Wendepunkt. Zeit für eine Standortbestimmung – für die Partnerschaft und die neuen Rollen als Vater oder Mutter. Um eine angemessene Balance in der Arbeitsteilung zu finden, helfen beim Aushandeln auch Gesprächsrituale, den Bedürfnissen beider Partner gerecht zu werden.

 

Was passiert in einer Beziehung, wenn ein Kind geboren wird? „Ein Kind öffne die auf sich selbst bezogene Zweierbeziehung des Paares nach außen, zur Welt“, so sah es die deutsche Philosophin Hannah Arendt (1906-1975). Die frisch gebackenen Eltern stehen vor einer großen Herausforderungen: „Sie müssen ihre Beziehung zueinander und zu ihrer Umgebung, zu Verwandten und Freunden neu definieren“, erklärt Hans Bertram, Professor für Mikrosoziologie an der Humboldt-Universität in Berlin. „Zweimal in der Woche abends pünktlich als Trainer im Sportverein zu erscheinen, ist eventuell nicht mehr drin. Es gilt dann, Lösungen zu suchen und mit den Betroffenen zu verhandeln.“ Durch das neue Kind bekommt jede Person im Familienkontext eine zusätzliche Rolle, die zu neuen Facetten in den Beziehungen führt. Zentral für den weiteren Verlauf der Paarbeziehung ist auch die Verteilung der neuen Aufgaben zur Versorgung und Pflege des Babys. Es könne ein bis zwei Jahre dauern, bis eine neue Konstellation ausgehandelt und eingespielt sei, sagt der Soziologe. „Wer dafür ausreichend Zeit einplant, umgeht einen zentralen Stressfaktor.“

Mann und Frau als "Architekten der Familie"

„Biografisch bedeutet ein eigenes Kind den Austritt aus der Kinder- in die Elternrolle", sagt der Lüdenscheider Diplom-Pädagoge, Heilpraktiker für Psychotherapie und Buchautor Ansgar Röhrbein. Die große Aufgabe sei, nicht von der Partner- bzw. Partnerinnen- in die Vater- oder Mutterrolle zu wechseln, sondern beide Rollen beizubehalten und mit Leben zu füllen. Die amerikanische Familientherapeutin Virginia Satir (1916-1988) bezeichnete Paare als „Architekten der Familie“, die ihre Beziehung untereinander und ihre jeweilige Beziehung zum Kind gestalteten. Väter hätten dabei von Anfang an eine wichtige Rolle, meint Ansgar Röhrbein. „Männer wissen heute, dass sie auch in den ersten Lebensjahren ihrer Kinder das Feld nicht allein den Frauen überlassen wollen“, sagt Hans Bertram. „Das war nicht immer so: Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, zum Beispiel sah den Vater zunächst allein als den Konkurrenten des Kindes. Erst mit zunehmendem Alter des Nachwuchses kam dem Vater eine wichtige Rolle zu. Das würde inzwischen kein Psychologe und auch kein Vater mehr so akzeptieren.“

Tradition wirkt nach - ein klarer Vater-Standpunkt hilft

Trotzdem wirke die Tradition nach. Ansgar Röhrbein sieht bei manchen Vätern eine Art „Fluchtreflex“. Sie überließen zum Teil der Partnerin das Feld, weil es ihnen nicht gelänge, in den nötigen Aushandlungsprozessen eine eigene Position zu formulieren. Statt dessen kämen oft alte Muster aus der eigenen Kindheit zum Tragen. „Damit das nicht passiert, ist es wichtig, sich vorher über die eigenen Wünsche und Möglichkeiten Gedanken zu machen und auch über gewisse Dinge – zum Beispiel die heftigen Gefühlsschwankungen, unter denen viele Frauen nach der Geburt leiden – Bescheid zu wissen“, sagt der Experte und empfiehlt den Vätern, Geburtsvorbereitungskurse zu besuchen oder sich in Büchern oder im Internet zu informieren. Wenn das Kind auf der Welt ist, rät er Vätern, früh eigene kleine Rituale mit dem Baby einzuführen. „Wenn zum Beispiel stillende Mütter Milch abpumpen, können auch Väter ihre Kinder regelmäßig füttern. Die anderen Bereiche, wie die Pflege, das Wickeln und Spielen stehen ihnen ja in jedem Fall offen.“ Es tue der Paarbeziehung gut, wenn Eltern sich als Team begriffen, das die Aufgaben rund um die Betreuung und Versorgung des Babys gemeinsam angehe. „Paare sind da erstaunlich kreativ“, sagt er. „Manche teilen sich zum Beispiel die ‚Nachtschichten’: Einer bis ein Uhr, der andere von eins bis sechs.“ Grundsätzlich sei es hilfreich, sich auch über die Fragen „Was brauche ich als Mann?“ beziehungsweise „Was brauche ich als Frau?“ und natürlich „Was brauchen wir als Paar?“ immer wieder auszutauschen.

Verbindliche Paar-Zeit als feste Institution

Damit dieser Austausch nicht im Alltag auf der Strecke bleibt, rät der Therapeut zu regelmäßigen Terminen: „Statt seltener nervenaufreibender Beziehungsgespräche, die immer dann anberaumt werden, wenn Druck im Kessel ist, schlage ich turnusmäßige eine ritualisierte Paar-Zeit vor, in der nicht nur ausgetauscht wird, was alles nicht klappt oder welche Wünsche offen sind, sondern gerade über das geredet wird, was gut läuft und was der Partner oder die Partnerin toll macht. Komplimente und kleine Überraschungen sind dabei herzlich willkommen.“ Auf diese Weise könnten Paare ernsthaften Krisen vorbeugen. Häufig sei es eine kommentarlos beibehaltene Gestaltung des Alltags in der Familie, die den Grund für Unstimmigkeiten liefere. Der Experte meint: „Es muss nicht immer alles bis ins Kleinste ausgeklügelt und genau gleich verteilt werden. Es funktioniert auch, wenn vorübergehend einer eine größere Last trägt oder auf mehr verzichtet. Es ist dann aber wichtig, dies auch wertzuschätzen und eine klare zeitliche Begrenzung – zum Beispiel für eine Auszeit aus dem Beruf – zu verabreden.“

In Krisen auf die Basis der Beziehung besinnen und Wünsche formulieren

Auch Paaren, die in einer akuten Krise stecken, hilft nur eins: Reden. Allen, denen dabei Trauer und Wut über das Verhalten der Partnerin oder des Partners den Blick trüben, rät Ansgar Röhrbein zu überlegen, welche Qualitäten es waren, die zunächst die Liebe entfachten und wie sich diese Eigenschaften auch in der Familie positiv auswirken könnten. „Hinter jedem Vorwurf steckt ein Wunsch“, lautet ein weiterer Hinweis. „Wer den Wunsch formuliert und nicht den Vorwurf, hat größere Chancen, gehört zu werden.“ Und: „Tempo rausnehmen: Zunächst zuhören beziehungsweise den anderen ausreden lassen, dann zusammenfassen, was man von dem, was der andere gesagt hat, meint verstanden zu haben. Gesagtes und Gehörtes sind nämlich – gerade, wenn Gefühle im Spiel sind – nicht immer deckungsgleich. Auf dieser Grundlage lassen sich die eigenen Anliegen dann besser formulieren.“ Außerdem warnt Röhrbein vor übertriebenen Erwartungen: „Ich kann nicht vom anderen verlangen, dass er mich glücklich macht. Das muss ich schon selber tun!“

Text aktualisiert am 22. Juni 2016

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