Wenn die Mutter ausfällt

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Gespeichert von chefredakteur am 27. Mai 2016
Vater mit Tochter in den Bergen

Wenn die Mutter ausfällt

Ungeplante Vaterschaft

Jedes Vatersein entwickelt und verändert sich in den Jahren nach der Geburt. Wenn aber die Mutter als Partnerin und Mama ausfällt, verändert sich das Vatersein ganz grundsätzlich. Eine Familie aus Wattenscheid hat genau das erlebt. Vater und Tochter mussten zu zweit eine neue Familienform für sich finden.

 

Wenn Werner Roth* über seine Tochter nachdenkt, spürt er die Verantwortung, die er hat: „Seitdem ich mich um Alina kümmere, habe ich mein Leben im Griff“, sagt er. „Und das muss auch so sein, sonst kann ich mich für die Kleine nicht stark machen.“ Alina ist acht Jahre alt und geht in Wattenscheid in eine offene Ganztagsschule. In der gibt es – wie in jeder Schule – auch mal Ärger und dann steht der 52-jährige Frührentner Roth an der Seite seiner Tochter im Lehrerzimmer. „Eigentlich klappt es mit der Schule und den Hausaufgaben ziemlich gut. Aber wenn meine Tochter ungerecht oder respektlos behandelt wird, soll sie sehen, dass ich da bin. Dann werde ich deutlich gegenüber den Lehrern.“ Mit seiner eigenen schulischen Ausbildung lief es nicht so gut. Und auch danach bekam der ehemalige Hilfsarbeiter nicht so recht einen Fuß auf den Boden: „Ich komme selbst aus einem sozialen Brennpunkt und habe den Absprung in eine richtige Berufsausbildung nie geschafft“, sagt Werner Roth.

Auf sich allein gestellt

Auch Alinas Mutter stammt aus armen Verhältnissen, lebte zeitweilig auf der Straße und als sie und Werner sich ineinander verliebten, standen Kinder nicht auf dem Plan. Aber irgendwann kündigte sich die Tochter an und die beiden zogen zusammen. Recht bald nach der Geburt merkte Werner Roth, dass seine Partnerin zunehmend psychische Probleme hatte und oft nicht fähig war, vernünftig für das Kind zu sorgen. Nach ungefähr eineinhalb Jahren wurde es so schlimm, dass er das Jugendamt einschaltete: „Leider wollte Alinas Mutter keine Hilfe von außen annehmen, nicht von Psychologen, Ärzten oder vom Jugendamt. Und sie hat sich auch nicht um sich selbst gekümmert. Mitverdienen wollte sie genauso wenig, hat alle Angebote des Jobcenters ausgeschlagen – bis die ihr das Arbeitslosengeld gestrichen haben.“ Zu dem Zeitpunkt hatte Alinas Mutter noch das alleinige Sorgerecht. Mit Unterstützung der Familienhilfe erstritt Werner Roth aber ein Mitsorgerecht und hoffte auf Besserung der Situation: „Ich dachte, dass sich vielleicht was bewegt, wenn ich auch rechtlich Verantwortung für Alina habe. Für das Kind war es ohnehin besser so“, sagt er.

Aber die Situation wurde nicht besser. Die Mutter war einerseits mit den einfachsten Aufgaben überfordert, wollte ihre Tochter aber zugleich mehr und mehr von der Außenwelt isolieren. Für Werner Roth eine schlimme Zeit: „Natürlich wünscht man sich ein anderes Familienleben. Aber spätestens als Alina vier Jahre alt wurde, war klar, dass ich das alleinige Sorgerecht brauchte. Ich musste sozusagen nochmal Vater werden: alleinerziehend und alleinverantwortlich.“ Wieder findet er in der Familienhilfe Fürsprecher, die ihn vor dem Familiengericht unterstützen. Mit dem alleinigen Sorgerecht in der Hand suchen er und Alina eine neue Wohnung. Gerade in der ersten Zeit leidet Alina unter der Trennung von ihrer Mutter. Aber die bekommt weder ihr Leben noch ihre Beziehung zur Tochter in den Griff und so werden die Besuche immer seltener.

Ein eingespieltes Team

Längst sind Alina und Werner Roth ein funktionierendes Zweierteam. Wenn sie Hilfe brauchen, wissen sie, wo sie fragen müssen: „Als unsere Waschmaschine kaputt gegangen ist, haben wir zunächst alles mit der Hand gewaschen. Aber dann habe ich mich ein bisschen umgehört: beim Väterprojekt vom SKFM in Wattenscheid, der Caritas und beim Jugendamt“, erinnert sich Werner Roth. So hat er schließlich die Aktion Lichtblicke kennengelernt und dort zusammen mit der Caritas einen Förderantrag gestellt – jetzt wäscht wieder eine Maschine. „Weil wir wenig Geld haben, können wir keine großen Sprünge machen. Aber wir brauchen auch keine tollen Möbel oder einen riesigen Plasmafernseher. Stattdessen haben wir immer frisches und gutes Essen im Haus“, sagt Werner Roth und erzählt, wie sie abends gemeinsam kochen, spielen oder auf dem kleinen Fernseher noch was schauen. Das fehlende Geld macht sich oft bemerkbar: „Alina versteht, dass wir sparen müssen. Wenn wir zur Kirmes gehen, gibt es nicht überall was Süßes, und Achterbahn fahren wir auch nur einmal. Aber ich lege immer ein bisschen Geld zur Seite – damit sie vielleicht doch nochmal alleine fahren kann …“

In den Ferien oder am Wochenende nutzen Vater und Tochter viele städtische Freizeitangebote. Sie erkundigen sich nach Beihilfen und Zuschüssen. So kam Alina schon zu einem Wochenende auf dem Reiterhof. Wenn es nach ihrem Papa geht, nicht zum letzten Mal: „Ich halte immer die Augen offen, wo es tolle Aktionen für Kinder gibt. Und wenn gerade nichts passiert, organisieren wir zwei unsere eigenen Kurzausflüge“, sagt er. Dann fahren Vater und Tochter mit der Bahn ins Sauerland zum Wandern, nach Köln oder mal nach Holland. „Aber das geht nur, wenn es nichts für die Schule zu tun gibt. Ich will, dass sie lernt, damit sie später einen vernünftigen Beruf hat! Ansonsten wünsche ich mir einfach, dass sie gesund ist und es ihr gut geht – dann freue ich mich.“

(vaeter.nrw)

Text aktualisiert am 11.06.2016

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