Kinderbedürfnisse im Blick

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Gespeichert von chefredakteur am 29. Mai 2016
Schatten einer Familie auf einer Wiese

Kinderbedürfnisse im Blick – das Wechselmodell aus Kindessicht

Trennungskinder

Lange Zeit zogen Kinder nach einer Scheidung der Eltern ganz selbstverständlich zur Mutter. Dieser Automatismus ist mit dem Wandel der Rollen passé: Väter bringen sich intensiv in die Erziehung ein und Mütter sind häufig erwerbstätig. Daher kommt heute häufig ein Wechselmodell zum Zug. Aber was bedeutet es für das Kind, abwechselnd bei Vater und Mutter zu leben?

 

Luisa* verbrachte nach der Trennung ihrer Eltern vor rund 14 Jahren etwa gleich viel Zeit mit ihrem Vater und ihrer Mutter. „Für mich war es wichtig, dass ich beide Elternteile voll erlebe und die Beziehung zu beiden leben konnte“, sagt die 18-Jährige heute. In den ersten Jahren wohnte sie jeweils drei, vier Tage am Stück bei einem Elternteil. Später blieb sie immer eine ganze Woche an einem Ort. Ein eigenes Zimmer hatte sie bei beiden Eltern. Viele persönliche Dinge und ihre Kleidung waren daher an beiden Wohnorten untergebracht, aber die meisten Sachen waren doch bei Luisas Mutter. „Für mich bedeutete diese Regelung auch, dass ich oft meinen Koffer packen musste“, sagt Luisa.

Das regelmäßige Pendeln bedeutete nicht nur einen Wechsel der Wohnung und des Elternteils: „Meine ältere Schwester wohnte ganz bei meiner Mutter. Die habe ich also in erster Linie dort gesehen. Mein Vater dagegen hat zunächst alleine gelebt. Später ist seine neue Lebenspartnerin mit ihrer Tochter bei ihm eingezogen“, erklärt Luisa.

Gute Betreuung durch beide Elternteile

Luisas Vater arbeitete immer in Vollzeit. Für ihre Betreuung war das aber kein Problem: „Wochentags war ich in der Kita untergebracht. Manchmal hat auch Papas neue Freundin auf mich aufgepasst. Meine Eltern haben sich da gegenseitig gut unterstützt – etwa wenn sie mich zum Reiten oder zu anderen Hobbies gefahren und anschließend wieder abgeholt haben.“ Wenn es um die Betreuung ihrer Kinder ging, haben sich Luisas Eltern an die Absprachen gehalten – für ein gut funktionierendes Wechselmodell ganz entscheidend. Und auch bei Erziehungsfragen schafften es die Eltern meist, sich zu einigen: „Der Umgang meiner Eltern war eigentlich gut. Natürlich hat der räumliche Abstand meinen Eltern geholfen, denn sonst hätten sie sich ja nicht getrennt.“

Neue Lebensphase – neue Bedürfnisse

Gerade anfangs hat das Wechselmodell für Luisa gut gepasst. Für sie war das Wichtigste, mit beiden Elternteilen im engen Kontakt zu sein und eine stabile Beziehung zu beiden zu haben. Das änderte sich mit der Pubertät: „Mein Wunsch, ja das Bedürfnis nach nur einem festen Zuhause wurde immer größer. Ich wollte einen Ort haben, an den ich mich zurückziehen konnte, einen Ort, wo ich meine Sachen aufbewahren konnte. Außerdem wollte ich die Möglichkeit haben, spontan zu sein, ohne dabei bedenken zu müssen, bei wem ich gerade lebe.“ Heute lebt Luisa die meiste Zeit bei ihrer Mutter. Bei ihrem Vater und seiner neuen Familie wohnt sie jetzt jedes zweite Wochenende. Manchmal treffen Luisa und ihr Vater sich spontan und gehen dann zum Beispiel ins Kino.

An den Wünschen der Kinder orientieren

Luisa weiß, wie es ist, in einem Wechselmodell zu leben. Neben dem Teilen von gemeinsamen Erlebnissen mit dem Vater und der Mutter war es für sie immer wichtig, dass beide Eltern auf sie geachtet haben: „Aber ich denke, das ‚richtige‘ Wechselmodell sieht für jedes Kind anders aus. Die jeweiligen Bedürfnisse sind einfach zu verschieden“, sagt sie. Schließlich sei jede Familie, jedes Kind und jede Trennungssituation anders und braucht eine eigene Herangehensweise. In jedem Fall kommt es für Luisa darauf an, dass die Eltern das Kind nicht emotional unter Druck setzen: „Ich finde es wichtig, dass sich beide Elternteile voll auf die Bedürfnisse des Kindes einstellen, mehr als auf ihre eigenen – soweit das möglich ist. Beispielsweise sollte das Kind selbst wählen, wo es wohnen möchte. Ohne das Gefühl zu haben, sich für oder gegen jemanden zu entscheiden.“

[*Name von der Redaktion geändert]

(vaeter.nrw)

Text aktualisiert am: 29.05.2016

 

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